»Was im Leben wahr, groß und göttlich ist, ist es durch die Idee; das Ziel des Philosophen ist, sie in ihrer wahrhaften Gestalt und Allgemeinheit zu erfassen. Die Natur ist darunter gebunden, die Vernunft nur mit Notwendigkeit zu vollbringen; aber das Reich des Geistes ist das Reich der Freiheit. Alles was das menschliche Leben zusammenhält, was Wert hat und gilt, ist geistiger Natur, und dies Reich des Geistes existiert allein durch das Bewußtsein von Wahrheit und Recht, durch das Erfassen der Ideen.«

In diesem Zusammenhange stellt sich das Geschick alles einzelnen, des Individuums, eines Volkes, eines Zeitabschnittes, höchst eigentümlich dar. Sie sind bloße Stücke der Bewegung, die durch sie hindurch sich vollzieht, sie dürfen davon abgesondert nichts sein und bedeuten wollen; über sie geht mit Unerbittlichkeit der Lauf des Ganzen hinweg, eben in dem Augenblick, wo etwas seine höchste Reife erreicht, beginnt sein Untergang; nachdem es sein Werk getan, hat es kein Recht weiter fortzubestehen. So verknüpft sich Werden und Vergehen, und es wird das Leben ein unablässiges Sterben. Aber dies Sterben ist keine völlige Vernichtung, das äußere Verschwinden kein gänzlicher Untergang. Denn was »aufgehoben« d. h. vernichtet wird in seinem besonderen Sein, das wird »aufgehoben«, d. h. bewahrt als ein Stück und eine Stufe des Ganzen, innerhalb seiner wirkt es zeitüberlegen fort. So brauchen wir uns nur in das Ganze zu versetzen, um eine Auferstehung des Gestorbenen zu erleben und in einen bleibenden Besitz zu verwandeln, was äußerlich vorüberzog und scheinbar als Vergangenheit hinter uns liegt. So ist die altgriechische Welt äußerlich untergegangen aber sie ist darum nicht gänzlich erloschen, sie wirkt mit ihrer Wahrheit und Schönheit innerhalb unseres eignen Lebens fort und ist ihm gegenwärtig zu halten, sie ist die unentbehrliche und die beharrende Voraussetzung aller weiteren geistigen Arbeit. So gewiß demnach die geistige Bewegung innerhalb der Zeit verläuft, sie wird keineswegs der bloßen Zeit ausgeliefert, sie erhebt sich immerfort über sie und erreicht eine Betrachtung der Welt »unter der Form der Ewigkeit« (sub specie aeternitatis).


Die Vernunft der Wirklichkeit

Wie hier durchgängig ein fester Glaube an die Vernunft der Wirklichkeit waltet, so wird zur Hauptaufgabe der Philosophie, diese Vernunft zu voller Klarheit herauszustellen; sie soll nicht belehren, wie die Welt sein soll, sondern sie soll sich in sie versetzen, die Dinge aus sich selbst und ihren Zusammenhängen verstehen und dadurch eine Versöhnung mit dem Ganzen der Wirklichkeit vollziehen. Das vor allem bildet die Stärke der Hegelschen Art, die Welt mit ihrem Geschehen bei sich selbst zu erfassen und in sich selbst zu vertiefen, überall geistige Inhalte, eigne Triebkräfte, innere Notwendigkeiten aufzudecken, dem Menschen durch das Teilgewähren daran eine Befreiung von kleinmenschlicher Art und eine innere Größe zu verleihen, zugleich aber bei allem Ernst eine feste und freudige Lebensstimmung zu erzeugen.

Dabei erhält die Philosophie ein eigentümliches Verhältnis zur Gesellschaft und zur Geschichte. Die Philosophie ist nicht das Erzeugnis eines bloßen Individuums, sondern sie ist »ihre Zeit in Gedanken gefaßt«; sie bildet in der Entwicklung der Zeiten nicht den Anfang, sondern den Abschluß, »als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertiggemacht hat«. »Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.« Ein aufrüttelndes und erneuerndes Wirken wird der Philosophie damit abgesprochen, sie hat nur zum Bewußtsein zu bringen und damit zu vollenden, was im Grundbestande schon vorliegt. Wir dürfen sagen, daß das mehr dem Bilde der alten als dem der neueren Philosophie entspricht.

Schon dies Wenige zeigt das Hegelsche System als ein gewaltiges Werk von großer Kraft und Geschlossenheit, als eine geistige Bewegung, welche die ganze Wirklichkeit ergreift und nach ihren Maßen gestaltet. Ob die Größe nicht durch eine starke Einseitigkeit erkauft wird, ja ob das Gesamtunternehmen nicht überkühn, nicht ein gefährlicher Ikarusflug ist, das läßt sich sehr wohl fragen. Verkürzt nicht das hier waltende Sehen aus dem Ganzen unbillig die Individualität der einzelnen Bildungen? Ist es nicht eine Überhebung der Menschheit, ihr Geistesleben ohne weiteres als absolutes zu behandeln? Ist Geistesleben nicht weit mehr als Denken, ja kann das Denken lediglich aus eigner Kraft überhaupt einen Inhalt erzeugen? Würde es nicht, streng auf sich selbst beschränkt, in ein Reich bloßer Schatten und Schemen führen? Und entgeht Hegel dieser Gefahr nicht bloß dadurch, daß den logischen Größen unablässig und unvermerkt aus dem Reichtum der Überlieferung und Umgebung Leben und Inhalt zuströmt?

Auch die Sprache Hegels verrät, daß seine Gedankenwelt verschiedene Schichten enthält. Ihre durchgehende Art ist sehr abstrakt, bloße Neutra »das Allgemeine«, »das Unendliche«, »das Einzelne« spielen z. B. in ihr eine große Rolle, sie kann in solcher Abstraktheit ermüden, ja zum Unwillen reizen. Aber dann kommen immer wieder Stellen, wo kräftigere Töne aus dem Innern der Seele zum Durchbruch kommen, die Gedanken erhalten dabei oft eine so anschauliche Verkörperung, eine so treffende Zuspitzung, eine so durchschlagende Kraft, daß sie in dieser Form zu weitester Verbreitung gelangt sind. Deutlich erkennen wir hier, daß Hegels Gedankenwelt einen tieferen Hintergrund hat, den sie selber nicht erklärt. – Solche Bedenken seien nicht gering genommen, aber sie lassen alle miteinander eine gewaltige Größe des Mannes unangefochten. Sehen wir auch von den vielfachen Wirkungen ab, die er auf das Ganze des Kulturlebens ausgeübt hat, seine energische Verwandlung der ganzen Wirklichkeit in einen einzigen aus eigner Kraft bewegten und weitergetriebenen Gedankenprozeß unternimmt eine Lösung des Wahrheitsproblems, mit der sich jedes tiefergehende Streben auseinanderzusetzen hat.