In engem Zusammenhang mit dieser Stellung zum Kriege steht die Hegelsche Fassung des Verhältnisses von Moral und Politik. So wenig er die Politik aus der Moral herausfallen lassen möchte, so meint er, daß beim Staate mit seinen eigentümlichen Aufgaben die Moral selbst eine andere werde als in den privaten Verhältnissen. Das Wohl des Staates habe eine ganz andere Berechtigung als das Wohl der einzelnen, und zwar habe der Staat sein Recht in seiner »konkreten Existenz«, und es könne »nur diese konkrete Existenz, nicht einer der vielen für moralische Gebote gehaltenen allgemeinen Gedanken Prinzip seines Handelns und Benehmens sein«.


Die Weltgeschichte

Das Leben des einzelnen Staates mündet nach Hegel ein in die Gesamtbewegung der Weltgeschichte. Denn nach seiner Überzeugung ist immer ein einzelnes Volk der Träger der jeweiligen Entwicklungsstufe des Ganzen. Dieses auf der Höhe befindliche Volk hat dann ein absolutes Recht gegen andere, freilich nur insofern es der allgemeinen Bewegung, der »Idee des Weltgeistes« dient. Hegel meint, daß eine solche Höhe einem Volk nur ein einziges Mal beschieden sei.


Die nähere Fassung des weltgeschichtlichen Prozesses bildet eine der Höhen der Hegelschen Gedankenarbeit; seine immanente Art, die Welt zu betrachten, findet hier einen besonders großartigen Ausdruck. Mit fester Energie weist Hegel diejenigen ab, welche in respektierender Betrachtung nützliche Lehren aus der Geschichte ableiten möchten; er verurteilt das mit den Worten: »Was die Erfahrung und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt hätten. Jede Zeit hat so eigentümliche Umstände, ist ein so individueller Zustand, daß in ihm aus ihm selbst entschieden werden muß und allein entschieden werden kann.« Eine Voraussetzung allerdings hat die Philosophie an die Geschichte als ihre denkende Betrachtung heranzubringen, die Voraussetzung, daß eine Vernunft in ihr walte, daß es auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei; nur wenn wir Vernunft in ihr suchen, kann sie uns Vernunft offenbaren; »wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an; beides ist in Wechselbestimmung.« Zugleich bekämpft er sowohl diejenigen, welche zwar an eine Vorsehung für die einzelnen Individuen glauben, nicht aber an eine solche für das Große und Ganze, sowie auch diejenigen, welche sich bei dem allgemeinen Gedanken einer weltgeschichtlichen Vorsehung begnügen und nicht eine nähere Ausführung dieses Gedankens wagen. »Wir können nicht bei jener, sozusagen, Kleinkrämerei des Glaubens an die Vorsehung stehen bleiben und ebensowenig bei dem bloß abstrakten, unbestimmten Glauben, der nur zu dem Allgemeinen, daß es eine Vorsehung gebe, fortgehen will, aber nicht zu den bestimmteren Taten derselben. Wir haben vielmehr Ernst damit zu machen, die Wege der Vorsehung, die Mittel und Erscheinungen in der Geschichte zu erkennen, und wir haben diese auf jenes allgemeine Prinzip zu beziehen.«


Der Kern der Geschichte

Hegels Lösung der großen Frage nach dem Sinn und dem Verlauf der Geschichte ist aber folgende: Den Kern der Geschichte bildet die Bewegung des Geistes, das Wesen des Geistes aber ist die Freiheit, Freiheit im Sinne des Beisichselbstseins, nicht im Sinne einer Wahlfreiheit, »Freiheit ist nur da, wo kein anderes für mich ist, das ich nicht selbst bin«. Das Bewußtsein einer solchen Freiheit aber hat der Geist erst zu erringen, und dies eben ist es, was in der Geschichte erfolgt. »Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit«; ja als der Endzweck der Welt erscheint damit »das Bewußtsein des Geistes von seiner Freiheit«.

Hier besonders kommt zur Geltung, daß der Aufstieg nicht in ruhigem Fortgang, sondern durch schroffe Gegensätze und härtesten Kampf hindurch erfolgt. »Die Entwicklung, die in der Natur ein ruhiges Hervorgehen ist, ist im Geist ein harter unendlicher Kampf gegen sich selbst. Was der Geist will, ist seinen eigenen Begriff zu erreichen, aber er selbst verdeckt sich denselben, ist stolz und voll von Genuß in dieser Entfremdung seiner selbst.« »Die Entwicklung ist auf diese Weise nicht das harm- und kampflose bloße Hervorgehen, wie die des organischen Lebens, sondern die harte unwillige Arbeit gegen sich selbst.«