Große Menschen
So gewiß die Träger dieser Bewegung die Menschen sind, sie dient nicht ihrem Befinden, und nicht ihre Absichten sind es, welche den Weltlauf bestimmen. Vielmehr sind die Menschen nur Mittel und Werkzeuge der Bewegung des Geisteslebens, sie dienen ihm auch dann, wenn sie nur ihre eignen Zwecke zu fördern glauben. »Sie vollbringen ihr Interesse, aber es wird noch ein Ferneres damit zustande gebracht, was auch innerlich darin liegt, aber das nicht in ihrer Absicht lag.« »Die Leidenschaften zerstören sich gegenseitig, die Vernunft allein wacht, verfolgt ihren Zweck und macht sich geltend.« So spricht Hegel auch von einer »List« der Idee. Aus dem allgemeinen Getriebe aber heben sich als große Menschen solche hervor, welche die allgemeine Notwendigkeit zu ihrer eignen Lebensaufgabe machen. »Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigne partikularen Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist. Dieser Gehalt ist ihre wahrhafte Macht.« Diese Menschen aber kommen nach Hegel eben zu der Zeit, welche ihrer bedarf. »Wir müssen überzeugt sein, daß das Wesen die Natur hat durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen, und daß es nur erscheint, wenn diese gekommen, und deswegen nie zu früh erscheint noch ein unreifes Publikum findet.« Wie Hegel in dem allen der weltgeschichtlichen Bewegung eine Überlegenheit gegen die Zwecke der Individuen zuerkennt, so verlangt er auch für ihre Beurteilung einen anderen Standort als den der privaten Moral. »Die Weltgeschichte bewegt sich auf einem höheren Boden, als der ist, auf dem die Moralität ihre eigentliche Stätte hat, welche die Privatgesinnung, das Gewissen der Individuen, ihr eigentümlicher Wille und ihre Handlungsweise ist; diese haben ihren Wert, Imputation, Lohn und Bestrafung für sich.« »Die Taten der großen Menschen, welche Individuen der Weltgeschichte sind, erscheinen so nicht nur in ihrer inneren bewußtlosen Bedeutung gerechtfertigt, sondern auch auf dem weltlichen Standpunkte. Aber von diesem aus müssen gegen welthistorische Taten und deren Vollbringer sich nicht moralische Ansprüche erheben, denen sie nicht angehören. Die Litanei von Privattugenden der Bescheidenheit, Demut, Menschenliebe und Mildtätigkeit muß nicht gegen sie erhoben werden.« Gewiß liegt in solchem Gedanken eine Wahrheit, aber die Art, wie Hegel ihn überspannt, enthält augenscheinlich die Gefahr, die Moral der geistigen Kraft gänzlich unterzuordnen; er sah in der Moral nicht wie Kant die Quelle einer neuen Welt, sondern nur die subjektive Gesinnung des einzelnen, und daß diese nicht die bewegende Kraft der Weltgeschichte bildet, daran läßt sich nicht zweifeln. Wie hier, so ist überhaupt die Größe Hegels eng mit starker Einseitigkeit verquickt; wer ihn richtig beurteilen will, hat beides miteinander gegenwärtig zu halten.
Die nähere Durchführung des Grundgedankens hat darzutun, daß alle Mannigfaltigkeit des Geschehens der Entwicklung des Geistes zum Bewußtsein der Freiheit dient. Das ist nun nicht wohl möglich ohne eine energische Zusammendrängung und vielfache Gewaltsamkeit, die Individualität des Geschehens findet bei weitem nicht ihr gebührendes Recht. Aber andererseits erweist sich eine gewaltige Kraft in dem Vermögen, ausgedehnte Gebiete zu strenger Einheit zusammenzufassen und mit knappen, oft sehr treffenden Worten zu charakterisieren. Auch sei bei der Beurteilung gegenwärtig, daß sich damals das Bild der Geschichte unvergleichlich enger und einfacher ausnahm als in der Gegenwart. Den Mittelpunkt bildete dort das Verhältnis des Altertums zur Neuzeit durch das Christentum hindurch; das Leben des Orients mit all seinem Reichtum wurde als eine bloße Vorstufe angesehen, es war das die Zeit des stolzen Selbstbewußtseins Europas, die Zeit, der Europa als einziger Sitz höherer Bildung galt, und wo man, um mit F. A. Wolf zu reden »Asiaten und Afrikaner als literarisch nicht kultivierte, nur zivilisierte Völker« von der höheren Bildung ausschloß. Demgegenüber hat Hegel schon eine größere Weite.
Seinem Gesamtverfahren gemäß zerlegt Hegel die Geschichte in drei Hauptperioden: das Versenktsein des Geistes in die Natürlichkeit, das Heraustreten in das Bewußtsein seiner Freiheit (aber noch mit der unmittelbaren Natürlichkeit als einem Momente behaftet), das Selbstbewußtsein und Selbstgefühl des Wesens der Geistigkeit. In der näheren Entwicklung nimmt die Religion eine hervorragende Stelle ein, erst die Anerkennung einer höheren Ordnung gibt nach Hegel dem Menschen einen Wert bei sich selbst. So sagt er (zunächst im Hinblick auf die Neger): »Daraus, daß der Mensch als das Höchste gesetzt ist, folgt, daß er keine Achtung vor sich selber hat, denn erst mit dem Bewußtsein eines höheren Wesens erlangt der Mensch einen Standpunkt, der ihm eine wahre Achtung gewährt.« In allen verschiedenen geschichtlichen Gestaltungen der Religion bemüht sich Hegel einen Vernunftgehalt aufzuweisen. »In jeder Religion ist göttliche Gegenwart, ein göttliches Verhältnis, und eine Philosophie der Geschichte hat in den verkümmerten Gestalten ein Moment des Geistigen aufzusuchen.« Aber zugleich tritt er aufs entschiedenste dafür ein, daß die Religion nur zusammen mit der geistigen Arbeit, nicht von ihr abgelöst, segensreich wirken könne. In der Absonderung vermöge die Religion die Leidenschaften und Begierden nicht zu bezwingen. »Damit das Herz, der Wille, die Intelligenz wahrhaft werden, müssen sie durchbildet werden, das Rechte muß zur Sitte, zur Gewohnheit werden, die wirkliche Tätigkeit muß zu einem vernünftigen Tempel erhoben sein, der Staat muß eine vernünftige Organisation haben, und diese macht erst den Willen der Individuen zu einem wirklich rechtlichen. Das byzantinische Reich ist ein großes Beispiel, wie die christliche Religion bei einem gebildeten Volke abstrakt bleiben kann, wenn nicht die ganze Organisation des Staates, der Gesetze nach dem Prinzipe derselben rekonstruiert wird. Das Christentum war zu Byzanz in den Händen des Abschaums.«
Die germanische Welt
Die Höhe und den Abschluß der geschichtlichen Entwicklung findet Hegel in der »germanischen Welt«; die Neuzeit habe hier die Aufgabe, die Innerlichkeit des Geisteslebens, die durch das Christentum eröffnet, aber zunächst im Gegensatze zur Welt verblieben sei, dieser zuzuführen und ihre ganze Weite damit zu durchdringen.
Das Ganze klingt in eine befriedigte, ja freudige Stimmung aus. »Die Entwicklung des Prinzips des Geistes ist die wahrhafte Theodizee, denn sie ist die Einsicht, daß der Geist sich nur im Elemente des Geistes befreien kann, und daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur von Gott kommt, sondern Gottes Werk selber ist.«