Im geistigen Schaffen, im Reich des »absoluten Geistes«, wie Hegel es nennt, unterscheidet er drei Hauptgebiete: Kunst, Religion, Philosophie. Alle haben zum Inhalt dieselbe Wahrheit, aber sie stellen diese in verschiedener Weise dar und bilden dabei eine Stufenfolge. Die Kunst gibt die Wahrheit in der Form der sinnlichen Anschauung, die Religion in der der Vorstellung und des Gefühls, die Philosophie als die Vollenderin des Ganzen in der des reinen Denkens. In jedem der Gebiete aber wird eine Bewegung aus eigner Kraft und sachlicher Notwendigkeit aufzuweisen gesucht, die durch Satz und Gegensatz verläuft. So treten alle Gebiete geistigen Lebens in dasselbe Licht und verbinden sich zu einem großen Ganzen, überall ist es der Gedankengehalt, der sie beherrscht und gestaltet; ob sie dabei ihre Individualität vollauf zu wahren vermögen, ob überhaupt das Leben damit nicht in eine zu enge Bahn geleitet wird, das ist eine andere Frage. Namentlich der Religion wird es hier schwer gemacht, eine Selbständigkeit gegen die Philosophie zu behaupten.


Indem Hegel das Schöne als »eine bestimmte Weise der Äußerung und der Darstellung des Wahren« faßt, stellt er die Aufgabe, überall einen Gedankengehalt aufzusuchen und alles künstlerische Schaffen von da aus zu verstehen; die Kunst befreit durch ihre Darstellungen innerhalb der sinnlichen Sphäre zugleich von der Macht der Sinnlichkeit. Durch solches Verlangen eines Gehalts tritt Hegel in einen geraden Gegensatz zu denen, welche die Form für das Wesentliche am Kunstwerk erklären und in ihr den Grund des Gefallens am Schönen finden. Hegels Fassung enthält den Antrieb, die Kunst mit dem Ganzen des geistigen Lebens in einen engen Zusammenhang zu bringen und auch in ihr eine der Gesamtbewegung des Geistes entsprechende Entwicklung durch Satz und Gegensatz aufzuweisen. Das hat er in Wahrheit durch ebenso ausgebreitete wie tiefeindringende Arbeit getan, seine Forschungen zur Ästhetik sind das Bedeutendste, was unsere Literatur auf diesem Gebiete besitzt. Daß die Wirkung dieser Lehre oft minder günstig war, indem sie zum Aufstöbern eines Begriffes, eines »Grundgedankens« in den Kunstwerken drängte und dabei viel unerquickliches Räsonnement hervorrief, ist nicht ohne weiteres dem Denker selbst zur Last zu legen.


Religion

Besonders tief hat Hegels Arbeit in die Behandlung der Religion eingegriffen. Er bringt ihr die höchste Schätzung entgegen, er hat sich von früh an mit ihren Problemen eifrig befaßt, auf keinem anderen Gebiet erreicht seine Sprache eine solche Wärme wie hier. Die Religion ist ihm im allgemeinsten Sinne »Beschäftigung mit Gott«. »Als Tätigkeit tut sie nichts anderes als die Ehre Gottes zu manifestieren, die Herrlichkeit desselben zu offenbaren. Die Völker haben dann dies religiöse Bewußtsein als ihre wahrhafte Würde, als den Sonntag des Lebens angesehen; aller Kummer, alle Sorge, diese Sandbank der Zeitlichkeit, verschwebt in diesem Äther, es sei im gegenwärtigen Gefühl der Andacht oder in der Hoffnung. In dieser Region des Geistes strömen die Lethefluten, aus denen Psyche trinkt, worin sie allen Schmerz versenkt, alle Härten, Dunkelheiten der Zeit zu einem Traumbild gestaltet und zum Lichtglanze des Ewigen verklärt.« Seine wissenschaftliche Erörterung und Begründung der Religion hat sich zunächst nach zwei Richtungen hin zu rechtfertigen: einmal gegen eine bloß historische Behandlung, dann aber gegen eine Begründung der Religion auf das Gefühl, wie Schleiermacher sie unternommen hatte. Der bloß historischen Betrachtungsweise hält Hegel entgegen, es sei ein unabweisbares Bedürfnis der Gegenwart, die Religion nicht auf bloße Autorität hinzunehmen, sondern »durch denkende Vernunft Gott zu erkennen«. »Die Vernunft ist der Boden, auf dem die Religion allein zu Hause sein kann.« Auch könnten unmöglich der historische Glaube und die philosophische Forschung ruhig nebeneinander stehen bleiben. »Wäre das Erkennen der Religion nur historisch, so müßten wir solche Theologen wie Kontorbedienten eines Handelshauses ansehen, die nur über fremden Reichtum Buch und Rechnung führen, die nur für andere handeln, ohne eigenes Vermögen zu bekommen.« Auch sei es eine Verkehrung der Philosophie, sie als nur mit der Welt befaßt, als »Weltweisheit« und göttlichen Dingen fremd darzustellen, im Gegenteil habe die Philosophie Gott zum Gegenstande und eigentlich zum einzigen Gegenstande: »Auch die Philosophie hat keinen anderen Gegenstand als Gott, und ist so wesentlich rationelle Theologie, und als im Dienst der Wahrheit fortdauernder Gottesdienst.« Es sei dabei freilich nicht vergessen, daß Hegel den Gottesbegriff ganz im Sinne seiner eignen Philosophie versteht und damit die ganze Religion wesentlich umgestaltet. »Gott ist das an und für sich schlechthin Allgemeine.«

Religion und Vernunft

In anderer Richtung bekämpft Hegel die Begründung der Religion auf das bloße Gefühl, wobei er aber die eigentümliche Fassung des Gefühls bei Schleiermacher verkennt und diesem in seiner Kritik entschiedenes Unrecht tut. Die Zurückführung des Glaubens auf das Gefühl würde, so meint er, jenen ganz subjektiv machen, das Gefühl habe den zufälligsten Inhalt, »es sproßt die königlichste Blume auf demselben Boden neben dem wucherndsten Unkraut auf«. Nach Hegel empfängt das Gefühl seine Wahrheit erst durch den Gedanken: »Der wahre Nerv ist der wahrhafte Gedanke; nur wenn er wahr ist, ist das Gefühl auch wahr.« Damit wird das Gefühl nicht verworfen, aber es hat seinen wahrhaften Inhalt erst von der Philosophie zu empfangen.

Der Inhalt der Religion ist nun bei Hegel, wie sich schon zeigte, derselbe wie der der Philosophie, nur gibt die Religion die Wahrheit in der Form der Vorstellung, die Philosophie in der Form des Begriffs, des reinen Denkens; dort stehen die einzelnen Sätze als Tatsachen unmittelbar nebeneinander, hier werden sie als zusammenhängend und notwendig dargetan. Die Religion ist für alle Menschen, nicht aber die Philosophie. So hat denn die Philosophie »die Vernunft zu versöhnen mit der Religion und diese in ihren mannigfaltigen Gestaltungen als notwendig zu erkennen«. Der gemeinsame Inhalt von Philosophie und Religion ist nach Hegel, »sich als einzelner als das Allgemeine zu setzen und sich als einzelner aufhebend sein wahrhaftes Selbst als das Allgemeine zu finden«; so wird Religion »Beziehung des Geistes auf den absoluten Geist«; da aber diese Beziehung schließlich innerhalb des absoluten Geistes liegt, das Endliche letzthin in Gott ist, so ist Religion im höchsten Sinne nicht ein Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern ein Verhältnis Gottes zu sich selbst. »Gott setzt das andere und hebt es auf in seiner ewigen Bewegung.« Die Religion ist letzthin »die Idee des Geistes, der sich zu sich selbst verhält, das Selbstbewußtsein des absoluten Geistes«. Durch den Weltprozeß hindurch erfolgt hier eine Selbsterfassung und Selbstvollendung Gottes, wie denn Hegel auch geradezu sagt: »Ohne Welt ist Gott nicht Gott.«