Auch in diesem Abschluß zeigt Hegel eine gewaltige Kraft des Denkens mit gewagter, höchst angreifbarer Behauptung aufs engste verbunden. Es erfolgt hier eine kräftige Gegenwirkung gegen ein Auseinanderfallenlassen der Gedankenbewegung in zerstreute Einzelleistungen, auch gegen ein Gleichsetzen von Haupt- und Nebensachen und ein Verweilen bei diesen; bloße Gelehrsamkeit wird von Hegel wenig geschätzt, er meint, daß sie »da immer am breitesten sich ausdehnt, wo am wenigsten zu holen ist«. Indem eine Gesamtbewegung alles umfaßt, alles einzelne aus sich hervortreibt und in sich zurücknimmt, wird ein packendes Bild geboten. Aber auch die Gefahren dieses Verfahrens liegen deutlich zutage, an Widerspruch konnte es nicht fehlen.


Es ist nicht leicht, zum Ganzen der Hegelschen Gedankenwelt Stellung zu nehmen. Da alle Mannigfaltigkeit einem einzigen Grundgedanken dient, so scheint die Sache damit auf ein schroffes Entweder – Oder zu kommen: entweder völlige Billigung oder völlige Ablehnung. Die nähere Erörterung dieser Frage ist eine Sache der Philosophie, sie wird dabei die Mahnung Hegels gegenwärtig zu halten haben, daß Systeme nur durch Systeme zu widerlegen sind. – Unsere Würdigung kann sich nur an die geschichtlichen Wirkungen halten, diese aber waren unbestreitbar groß. Die hier mit gewaltiger Energie erhobene Forderung, eine den Meinungen und Zwecken der Menschen überlegene sachliche Wahrheit anzuerkennen und ihren Forderungen nachzukommen, sich in die Dinge selbst zu versetzen und sie aus sich selbst zu verstehen, hat stärkend und erhöhend auf die geistige Arbeit gewirkt. Die Voranstellung des Ganzen vor alles Einzelne, das Sehen vom Ganzen her, hat der wissenschaftlichen Forschung fruchtbare Anregungen gegeben, indem sie überall auf ein Begreifen des Einzelnen aus den Zusammenhängen drang und die Individuen als einen Ausdruck ihrer Zeit zu verstehen suchte; sie hat noch mehr auf politischem und sozialem Gebiet gewirkt, indem sie die Aufgabe des Ganzen vor alle Interessen der Individuen zu stellen und die Macht wie den Wirkungskreis des Ganzen zu steigern antrieb; aus Hegel haben nicht nur die sozialdemokratischen Theorien geschöpft (Marx, Engels, Lassalle), man kann sagen, daß seine Auffassung den geistigen Hintergrund des gesamten sozialen Wirkens des modernen Staates bildet. Daß Hegel in aller Mannigfaltigkeit des Nacheinander eine durchgehende Bewegung aufwies, in ihr einen Fortschritt aus eigener Kraft verfocht, alle Erscheinungen in ein Verhältnis gegenseitiger Bedingtheit brachte, alles sich gegenseitig suchen, tragen, fördern ließ, das hat nicht nur im Ergebnis vieles gewinnen lassen, es hat auch die Art des Denkens geschmeidiger und flüssiger gemacht, es hat ihm eine freiere Stellung zum Stoffe gegeben. Daß Hegel die ungeheure Macht der Verneinung im menschlichen Leben, die aufrüttelnde und weitertreibende Macht des Widerspruches in ihm vollauf zur Anerkennung brachte, das hat einen großen Ernst in die Behandlung der Dinge gebracht, aber da seinem Nein immer auch ein Ja gegenwärtig war, zugleich eine innere Erhebung. Es ist ein großartiger Versuch, in der Wirklichkeit durch Schmerz und Leid hindurch das Walten einer Vernunft zu enthüllen, ein großartiger Versuch auch, mit voller Hingebung an die Bewegung der Zeit eine Betrachtung zeitüberlegener Art zu verbinden und damit den Lebensdrang bei sich selbst zur Ruhe zu bringen. Wohl ist hier das letzte Ziel eine Versöhnung mit dem Ganzen der Wirklichkeit, aber diese fordert eine so völlige Umwandlung des nächsten Anblicks der Dinge und kostet so viel Arbeit und Opfer, daß sie mit dem landläufigen Optimismus nicht das mindeste gemein hat.


Hegels Nachwirkung

Hegel hat immer darauf gedrungen, die Philosophie nicht als das Werk der bloßen Individuen, sondern als einen Ausdruck der Zeit, als eine Offenbarung ihres Strebens und Wollens zu verstehen. Auch von seiner eigenen Philosophie läßt sich sagen, daß sie Hauptbewegungen der Zeit die höchste wissenschaftliche Fassung gibt. Die Neuzeit bekennt die höchste Schätzung des Denkens und Erkennens, bei Hegel wird es zu weltschaffender Macht erhoben und soll wie ein Sauerteig alle Verhältnisse durchdringen; die Neuzeit trägt in sich einen starken Fortschrittsglauben, bei Hegel erhält er die tiefste Rechtfertigung aus dem Ganzen einer großen Gedankenwelt; die Neuzeit enthält einen kräftigen Lebenstrieb, von ihm aus sieht sie Vernunft in die Welt hinein und neigt zur Bejahung des Lebens; diese Bejahung kann keinen großartigeren Ausdruck finden, als sie bei Hegel gefunden hat.


Das alles hat auch eine Gegenseite. Punkt für Punkt ist es Zweifeln und Einwendungen ausgesetzt; diese möge jeder bei sich selbst erwägen und danach seine Stellung zu Hegel nehmen. Das aber läßt sich von allen verlangen, daß sie auch ihm selbst gegenüber die Forderung erfüllen, die er uns immer von neuem ans Herz gelegt hat: aus dem Ganzen zu sehen und die Dinge nicht nach einem fremden Maßstab zu messen, sondern sie aus ihrem eigenen Wollen und Wesen zu verstehen.