Zeitgenossen Hegels
Aus der Reihe der deutschen Denker haben wir nur eine beschränkte Auswahl geboten, wir glaubten uns dabei an diejenigen halten zu sollen, von denen eine Kraft der Lebensbejahung ausgeht, und die damit zu weiteren Kreisen sprachen, nicht bloß zur gelehrten Zunft. Aber es bleibe nicht unerwähnt, daß neben den geschilderten Denkern in der Bewegung, die mit Kant begann, andere hervorragende Männer stehen, die, ebenfalls Idealisten, entweder andere Wege gingen oder in ihrem Wirken nicht so weite Kreise gewannen. Wenigstens einige davon seien hier angeführt.
Die Pädagogik. Schopenhauer. Fries
Waren die Denker, die wir schilderten, an erster Stelle damit befaßt, große Weltbilder zu entwerfen und von ihnen her das menschliche Leben zu deuten, so widerstand Herbart entschieden dieser »kosmischen« Art, mit eindringender Schärfe und Klarheit durchforschte und zergliederte er in unermüdlicher Arbeit das menschliche Gedankengewebe, suchte er mehr Anknüpfung an das unmittelbare Seelenleben und wies in ihm einfache Gesetze, feste Verkettungen, durchgehende Zusammenhänge auf; er hat damit namentlich der Erziehungslehre wertvollste Dienste geleistet. Herbart ist es, welcher der Pädagogik zuerst eine eigene Begriffswelt schuf und sie damit erst zu einer strengen Wissenschaft erhob. Sein Einfluß geht in dieser Richtung durch die ganze gebildete Welt.
So verschieden die von uns betrachteten Denker waren, sie gelangten schließlich alle zu einer Lebensbejahung, sie alle glaubten mit Sicherheit eine Vernunft unserer Wirklichkeit dartun zu können. Dem widerspricht mit großer Energie und in krystallklarer Sprache Schopenhauer, insbesondere bildet er ein volles Gegenstück zu Hegel. Suchte Hegel alle Mannigfaltigkeit durch die Arbeit des Denkens zu verketten und die Welt in ein wohlgegliedertes Begriffsreich zu verwandeln, so folgt Schopenhauer dem unmittelbaren Eindruck und der nächsten Empfindung der Dinge, weniger ein logisches Gefüge als eigentümliche Stimmungen halten mit starken Schwingungen seine Gedankenwelt zusammen; wollte Hegel das Wirkliche durchweg als ein Vernünftiges erweisen und durch das Denken mit der Welt versöhnen, so steht Schopenhauer ganz und gar unter dem Eindruck einer tiefen Unvernunft des Daseins und weiß sie packend zu schildern; als höchste Aufgabe der Philosophie erscheint hier die, eine Befreiung von dieser elenden Wirklichkeit, eine Erlösung einzuleiten. Damit treten ganz andere Seiten der Welt in den Vordergrund: es wird namentlich das Dunkle, das Triebhafte, das Unbewußte in ihr hervorgekehrt; das Böse erscheint hier nicht als eine bloße Minderung des Guten, sondern als eine positive Macht; mehr Geheimnis umhüllt damit den Kern der Wirklichkeit. Ein Zusammenhang mit der Romantik ist unverkennbar, nur ist hier alles mehr ins Negative, aber auch ins Gewaltige gewandt. Indem eine Tiefe hinter der Welt, eine völlig andere Art des Seins mehr geahnt als wissenschaftlich ergriffen wird, erfolgt ein entschiedener Bruch mit einer niederen Lebensgier und den Gütern, die für sie gelten, es erfolgt eine kräftige Aufrüttelung, eine gänzliche Umkehr wird gefordert, eine Annäherung an eine religiöse Lebensgestaltung vollzogen.
Auch des edlen Fries sei gedacht, der die Kantische Erkenntnislehre zur Psychologie in engere Beziehung setzte, nach Wissen, Glauben und Ahnen drei Arten des Erkennens und zugleich drei Hauptgebiete des Lebens voneinander schied und jedes in seiner Eigentümlichkeit zu würdigen suchte, der dabei Religion und Kunst in enge Verbindung brachte. Bei aller Zartheit der Empfindung war er zugleich ein fester Charakter, ein tapferer Vorkämpfer deutscher Einheit.