Endlich sei auch das nicht vergessen, daß der philosophischen Bewegung die Führer der deutschen Erziehung getreulich zur Seite standen, daß sie den deutschen Idealismus nach einer besonderen Richtung hin aufs glücklichste entwickelt haben. Sie alle waren einig in der allgemeinsten Fassung des Erziehungsideales. Der Mensch soll nicht für einen außer ihm liegenden Zweck, sondern er soll für sich selbst und zwar zur Selbsttätigkeit, zur Persönlichkeit erzogen werden. Darin liegt zugleich die Anerkennung des Selbstwertes und der Überlegenheit einer Innenwelt, auch eine eigentümliche Schätzung menschlicher Güter; auch wächst in diesen Zusammenhängen die Bedeutung der Erziehung und des Unterrichts weit über die gewöhnliche Fassung hinaus. Denn sie beschränken sich nun nicht mehr darauf, den vorhandenen Kulturbesitz dem neu heranwachsenden Geschlechte mitzuteilen, sondern sie möchten im Zurückgehen auf die ersten Anfänge, die das Leben im ursprünglichen Aufquellen zeigen, den Gesamtstand der Menschheit zu größerer Einfalt und Wahrheit führen, sie bekämpften die »Fremdheit der Bildung« (Fröbel), sie suchten die Grundüberzeugungen aus dem Leben selbst zu entwickeln; so sah Pestalozzi im »reinen menschlichen Gefühl für Dank und Liebe die Quelle des Glaubens« und schöpfte aus dem »reinen Kindersinn der Menschheit« die Hoffnung ewigen Lebens. Demnach haben diese Männer als Reformatoren der Erziehung zugleich zur Veredlung des Lebens gewirkt und gehören daher auch in die Reihe der deutschen Idealisten.


Rückblick und Ausblick

Die deutschen Idealisten waren keineswegs bloße Kinder ihrer Zeit, Dolmetscher ihres Strebens, sie fühlten sich vielmehr mit jener oft in schroffem Widerspruch, sie haben sie oft hart gescholten und haben sich in ihrem Wirken weit über sie erhoben. Aber wenn ihre Lösung der Probleme den Durchschnitt der Zeit weit überstieg, so empfingen sie die Probleme aus der geistigen Atmosphäre, die sie umfing, sie stehen insofern doch mit ihrer Zeit in Zusammenhang. Es war das aber eine Zeit, die vorwiegend mit dem Individuum und seiner Erhöhung beschäftigt war, die in Kunst, Literatur und Philosophie den Hauptinhalt des Lebens sah und zugleich über die sichtbare Welt hinaus zu einer unsichtbaren strebte; diese Zeit hatte wenig Einsicht in die Natur und vermochte wenig ihr gegenüber, auch die politischen, sozialen, ökonomischen Verhältnisse enthielten damals wenig, was aufstrebende Geister anziehen konnte. Bei aller Größe, welche eine so geartete Zeit auf ihren Höhepunkten erreichte, und bei aller Verinnerlichung, die sie dem gemeinsamen Leben brachte, ist bei ihr eine starke Einseitigkeit nicht zu verkennen; einem gesunden und kräftigen Volk konnte dies Leben auf die Dauer unmöglich genügen.

So kam denn ein Umschlag zur sichtbaren Welt und bemächtigte sich der Gemüter. Es kann etwa die Zeit um 1830 als der Punkt gelten, wo die Wendung deutlich hervortritt. In der Weltanschauung verdrängt die Naturwissenschaft mehr und mehr die Philosophie, und aus der Naturwissenschaft geht die Technik hervor, welche das gesamte Leben des Menschen wesentlich umgestaltet, es bereichert, kräftigt, beschleunigt, geradezu neue Menschen bildet. Wohl gingen mit den großen Erfolgen große Probleme Hand in Hand – denken wir nur an die soziale Frage –, aber wie die Erfolge, so ketten auch die Probleme den Menschen immer fester an die sichtbare Welt und gewinnen ihr seine Kraft und seine Gesinnung. Ferner entwickelt das menschliche Zusammensein Fragen und Aufgaben bedeutendster Art: politische Freiheit, nationale Einheit und Selbständigkeit, möglichste Hebung alles dessen, was menschliches Angesicht trägt, beherrschen und bewegen die Gemüter. Dazu die Beziehungen und der Kampf der Nationen, das Streben von Handel und Industrie, die ganze Welt zu umspannen; in dem allen ist die sichtbare Welt dem Menschen unvergleichlich mehr geworden; die Deutschen aber haben sich an dieser Bewegung nicht nur eifrig beteiligt, sondern sie sind immer mehr in die erste Linie getreten und haben sich dadurch viel Neid und Haß mißgünstiger Nachbarn zugezogen.