Die Wendung zur sichtbaren Welt

Solches Wirken zur sichtbaren Welt war kein Abfall der Deutschen von ihrer echten Art, wie die Gegner es darzustellen lieben, sondern man braucht nur einen flüchtigen Blick auf die ältere deutsche Geschichte zu werfen, auf die Blüte der deutschen Städte, auf Hanse und Ritterorden, um zu sehen, wie tüchtig und leistungsfähig die deutsche Arbeit war, wie großartig sich das deutsche Wirken auch in der sichtbaren Welt ausnahm. Nur besondere geschichtliche Ereignisse haben diese Seite unseres Wesens zeitweilig zurückgedrängt und uns die sichtbare Welt als minder bedeutend dargestellt. Wenn wir das nun glücklich überwunden haben und wieder mit frischer Kraft und freudigem Mut die sichtbare Welt ergreifen, so werden wir damit uns selbst nicht untreu, sondern wir nehmen eine zeitweilig verkümmerte Seite unseres Wesens wieder auf.

Aber es bleibt eine Gefahr, die Gefahr, daß dies Neue uns ausschließlich beschäftige, die Richtung des Lebens allein bestimme, die Innerlichkeit, die bisher unser Stolz und unsere Größe bildete, zurückdränge oder doch minder schätzen lasse; es besteht oder bestand die Gefahr einer Störung des Gleichgewichts unseres Lebens, die Gefahr eines Abhängigwerdens vom Äußeren, eines Verkümmerns unserer Seele, eines Materialismus in der Gestaltung des Lebens und schließlich auch in der Weltanschauung. So waren für einige Zeit auch die großen Idealisten sehr in den Hintergrund getreten, sie erschienen vielen als bloße Schwärmer, die bei aller geistigen Kraft das Streben doch in die Irre führten. Auch dagegen ist aber bald ein Rückschlag gekommen, denn das deutsche Volk, das Volk des Gemütes, kann seine Innerlichkeit nicht lange verleugnen; so kam schon vor dem Krieg eine Bewegung zu ihrer Verstärkung auf, und die Aufgaben und Erfahrungen des Krieges haben das weiter gefördert. Denn für seinen Aufruf zu höchsten Leistungen und sein Auferlegen schwerster Opfer kann er die Gesinnung des ganzen Menschen nur gewinnen, wenn diese hohe Ziele einer unsichtbaren Welt anerkennt und andere Güter in Ehren hält als die der sinnlichen Lebenserhaltung. Wer aus ganzer Seele willig und freudig Tag für Tag sein Leben für das Vaterland in die Schanze schlägt, der hat mehr Idealismus als alle Philosophie zu geben vermag. Aber gerade weil er für sich selbst des Grundgedankens gewiß ist, wird er gern Gesinnungsgenossen suchen, die ihm eine Bekräftigung und weitere Ausführung jenes Gedankens verheißen; solche aber findet er in den Trägern des deutschen Idealismus.


Sehen wir, wie sie uns erscheinen, wenn wir sie heute betrachten und zu unseren eigenen Aufgaben in Beziehung setzen. Daß wir sie jetzt aus einer gewissen Ferne sehen, macht es uns möglich, von allem Kleinen und Bloßmenschlichen abzusehen, das auch ihnen anhaftet, die unterscheidenden Züge vor den gemeinsamen zurückzustellen oder sie doch ihnen unterzuordnen; die einzelnen Leistungen verbinden sich uns mehr zu einer Gesamterscheinung, als es in der eigenen Zeit geschehen konnte, wo die Unterschiede stärker empfunden wurden und leicht zu schroffem Gegensatz führten.


Der Mensch kein bloßes Naturwesen

Alle die Männer, die wir betrachteten, stehen zu der Überzeugung –– und das eben macht sie zu Idealisten –, daß der Mensch, wenn auch aus der Natur erwachsen, mehr als ein bloßes Naturwesen ist, und daß sein Leben nicht in die natürliche Selbsterhaltung aufgeht, daß vielmehr in ihm eine neue Stufe der Wirklichkeit durchbricht, eine neue Welt erscheint, ihm eine eigentümliche Würde und Größe verleiht und seinem Handeln hohe Ziele vorhält. Das aber, was nach ihrer Überzeugung den Menschen veredelt und deutlich von aller Natur abhebt, ist die Freiheit, das Vermögen einer Gestaltung des Lebens aus Selbsttätigkeit; sie fassen diese Freiheit verschieden, indem sie bald mehr als Willensentscheidung, bald mehr als geistige Bewältigung der Wirklichkeit verstanden wird; darin aber sind sie alle einig, daß in der Freiheit eine neue Ordnung der Dinge erscheint, die dem Leben einen neuen Inhalt gegenüber dem nächsten Dasein gewährt und aus ihm eine neue Welt geistiger Größen und Güter hervorgehen läßt. Es ist das Teilhaben an dieser Welt, ja das Miterzeugen dieser Welt, was den Menschen weit über die Grenzen der Natur hinaushebt, ihm ein ursprüngliches und unendliches Leben eröffnet. Die neue Welt, die so aus geistiger Arbeit aufstieg, blieb jenen Männern aber nicht getrennt von der nächsten Welt, vielmehr bestanden sie eifrig darauf, sie mit dieser in enge Verbindung zu bringen und diese erhöhend und veredelnd möglichst in sie hineinzuziehen; dabei kamen freilich die Denker zu einem verschiedenen Ergebnis, den einen verblieb ein Gegensatz und damit eine große Spannung, die anderen glaubten, die neue Stufe zu einem reinen Siege bringen und dadurch eine volle Versöhnung mit der Wirklichkeit erreichen zu können, aber gemeinsam ist allen das Zusammenbringen und Aneinanderhalten zweier Welten, gemeinsam das freie Schweben der geistigen Arbeit zwischen, ja über beiden Welten, gemeinsam das Streben, die höhere Welt zum Siege über die niedere zu bringen, gemeinsam die Verwandlung des Lebens in ein Wirken und Schaffen größten Stiles, gemeinsam die Hochschätzung der Tat. Ein hochgemutes Wirken gibt dem Ganzen des menschlichen Lebens und Seins einen hohen Wert; so wenig jene Denker an dem vorgefundenen Stande der Dinge Gefallen fanden, so viel Hemmung, Dunkel und Schmerz sie in ihm erkannten, die geistige Arbeit fühlte sich allem Widerstand gewachsen, ja überlegen, und alle Schwere des Kampfes, aller tiefe Ernst hemmte nicht einen freudigen Lebensmut, nicht ein festes Vertrauen auf einen Sinn des Lebens und eine Bedeutung menschlicher Arbeit.

Indischer und griechischer Idealismus

Alles miteinander ergibt einen eigentümlich deutschen Idealismus, der sich vom indischen wie vom griechischen aufs deutlichste unterscheidet. Der indische Idealismus erklärt die ganze Welt mit ihrem rast- und sinnlosen Wandel für ein Reich des Scheins, an den sich das Herz des Menschen nicht hängen dürfe, er eröffnet, im Gegensatz dazu, eine Einheit göttlichen Seins, in der eine unwandelbare Ruhe herrscht und der wilde Lebensdrang erlischt. Hier gibt es keine Zurückwendung zur Welt und keinen Versuch, sie für die Vernunft zu gewinnen, im besonderen den Stand der Menschheit durch die Arbeit der Weltgeschichte zu heben. – Der griechische Idealismus dagegen sieht in der Welt ein wunderbares Kunstwerk, einen herrlichen Kosmos, dessen Anschauung reinstes Glück verheißt; wohl bedarf es zu ihrer Erringung energischer geistiger Arbeit, aber diese hat nur Vorhandenes aufzudecken, nicht eine Wandlung herbeizuführen. Denn so gewiß der einzelne immer wieder zur Höhe jener Anschauung aufklimmen muß, die Welt als Ganzes bedarf keiner Veränderung, in unbeirrtem Rhythmus des Steigens und Fallens verläuft hier das Leben des Alls von Ewigkeit zu Ewigkeit. Auch hier entsteht keine Geschichte, keine weltgeschichtliche Arbeit. – Anders im deutschen Leben. Eine neue Welt steigt ihm auf, eine Welt der Freiheit und Tat, eine Welt selbständiger Innerlichkeit, sie ist in sich selbst begründet, nicht auf fremde Hilfe angewiesen, aber sie hat sich dem Menschen erst voll zu entwickeln, und sie kann das nicht, ohne mit der vorgefundenen Welt in Beziehung zu treten, sie weiterzubilden, sie möglichst in sich aufzunehmen. So gibt es unendlich viel zu tun, es gilt die Aufbietung aller Kraft, es gilt einen gewaltigen Kampf; damit gewinnt auch die Geschichte, sowohl von innen heraus als im Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung, den höchsten Wert, die Welt wird zur Werkstatt des Geistes.