Der deutsche Idealismus
Solcher Zusammenhang ergibt auch eine eigentümliche Schätzung der Lebensgüter. Allen Arten des Idealismus, dem indischen, griechischen, deutschen, ist gemeinsam die Erhebung über die Güter der sinnlichen Lebenserhaltung und des sinnlichen Lebensgenusses, überall hebt sich ein Gutes als unbedingter Selbstwert von dem Nützlichen und Angenehmen des bloßen Menschen ab. Aber dies Gute gewinnt dem deutschen Idealismus dadurch einen eigentümlichen Charakter, daß hier die Belebung selbständiger Innerlichkeit, die ethische Tat, die Treue der Hingebung an das Werk des Ganzen die höchste Schätzung erhält. Die Führer des Idealismus geben dem einen verschiedenen Ausdruck, aber im Grunde stehen sie alle zu dem Bekenntnis Kants: »Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.« So sehen sie in diesem allein das, was unser menschliches Leben bei aller Mühe und Arbeit lebenswert macht, ja es über den ganzen Bereich von Mühe und Arbeit hinaushebt. Zugleich gewinnt hier der Gedanke der Pflicht eine überragende Stellung. Die geistige Bewegung, welche unser Leben von den Niederungen zur Höhe führt, den Menschen zum Menschen macht, ist nicht eine Privatangelegenheit des Individuums, und sie entwickelt sich nicht in bequemem Fortgang aus dem gegebenen Stande heraus, sondern sie hebt den einzelnen in große Zusammenhänge und hält ihm deren Aufgaben als heilige Forderungen vor. Aber diese Forderungen werden ihm kein drückender Zwang, da er als geistiges Wesen jene Zusammenhänge in seinen eigenen Willen aufnimmt und daher im Grunde nicht fremden Geboten, sondern seiner eigenen Entscheidung folgt; der Gehorsam selbst und er vor allem bekundet hier seine Freiheit.
Wie der deutsche Idealismus die Moral eigentümlich gestaltet, so hat er auch ein eigentümliches Verhältnis zur Religion. Sie ist ihm ein wesentliches Stück, ja der innerste Kern des Lebens. Denn wie könnte der Mensch den Aufbau einer neuen Welt unternehmen und sie in einen unerbittlichen Kampf mit der ganzen Umgebung führen, wüßte er sich nicht von überlegener Macht getragen und geleitet, empfände er nicht alles, was in seinem eigenen Leben wahrhaft groß und edel ist, als ihr Werk, ihre Gabe und Gnade? Ohne Religion findet die dem Deutschen unentbehrliche Innerlichkeit nicht den Weg zu einer Innenwelt und zugleich keine Befestigung, all sein Streben zur Höhe schwebt dann haltlos in leerer Luft. Aber eben weil der deutsche Idealismus die Religion so eng mit dem Leben verbindet, muß er darauf bestehen, daß sie sich von diesem aus entwickele und sich in seiner Förderung erweise. Der deutsche Idealismus verlangt eine Begründung der Religion auf das, was jedem unmittelbar gegenwärtig ist und sich von ihm erleben läßt, er bindet die Religion nicht starr an die Satzungen der Vergangenheit, er verlangt eine Gestaltung aus lebendiger Gegenwart, einer Gegenwart freilich nicht des wechselnden Augenblicks, sondern eines zeitüberlegenen Schaffens. So gewiß der deutsche Idealismus ferner die unsichtbare Welt der Religion über die sichtbare Welt hinaushebt, er will keine Absonderung von ihr, die Weltüberlegenheit bedeutet ihm nicht eine Flucht vor der Welt; nach seiner Überzeugung gilt es, das Göttliche auch in dieser Welt kräftig zur Wirkung zu bringen und »Ewigdauerndes zu verflößen in das irdische Tagewerk«.
Der Reichtum des deutschen Idealismus
Wenn in dem allen der deutsche Idealismus eine durchaus eigentümliche Lebensgestaltung verficht, so verleiht er der gemeinsamen Grundüberzeugung recht verschiedene Gestalten, er bildet sie nach sehr verschiedenen Richtungen aus: die einen finden den Schwerpunkt des Lebens in der Richtung der Gesinnung und der moralischen Haltung der Persönlichkeit, die anderen beim Kulturaufbau mit seiner sachlichen Arbeit; der eine stellt das praktisch-politische Leben, der andere die Kunst, der andere die Religion voran; jeder einzelne aber hat in sein Werk seine ganze Persönlichkeit hineingelegt und gibt seiner Arbeit die Wucht einer geistigen Selbsterhaltung. Jeder hat dabei seine Eigentümlichkeit auch seiner Sprache mitgeteilt, ihr einen hohen Schwung und einen ausgeprägten Charakter gegeben, jeder einzelne spricht zu uns in einer unvergleichlichen Weise, jeder vermag zu uns ein persönliches Verhältnis zu gewinnen. Dieser Reichtum ist ein großer Vorzug des deutschen Idealismus, er behütet die Gemeinschaft der Grundüberzeugung vor aller Enge und Einseitigkeit.
So ist das Ganze des deutschen Idealismus ein kostbarer Besitz unseres Volkes, ein Besitz freilich, der als ein geistiger sich nicht mühelos übertragen läßt, sondern den es immer wieder neu zu erringen gilt. Aber wie er aus deutschem Wesen geboren ist, so kann deutsches Wesen besonders leicht den Weg zu ihm finden, sich an ihm verjüngen und erhöhen.