Dem Pater Hilarius wurde es bei der fortschreitenden Verdauung der Speckknödel, deren Zahl diesmal nichts zur Sache tut, und bei der endgültigen Ergründung des heiligmäßigen Kruges immer mehr sonnenklar, daß der heilige Sankt Bürokrazius der mächtigste und einflußreichste Heilige auf Erden war.
Welcher andere Heilige hatte sonst eine derartige Allmacht gewonnen? Vor welchem anderen Heiligen lag sonst alles derart auf den Knien, ja kroch vor ihm auf dem Bauche? Eines solchen durchschlagenden Erfolges konnte sich kein einziger anderer Heiliger rühmen. Kein Heiliger hatte so viele Jünger wie der heilige Bürokrazius. Kein Orden zählte so viele Anhänger und war mit seinen unermeßlichen Tausenden von Mitgliedern so sehr verbreitet als wie gerade der Orden des heiligen Bürokrazius.
Bei weiterer Nachforschung entdeckte der hochwürdige Pater Hilarius in seinem neu gefundenen Heiligen, dem Sankt Bürokrazius, sogar göttliche Eigenschaften. Zwar vermochte er in ihm weder die Allwissenheit noch die Allgütigkeit und Allbarmherzigkeit zu finden, wohl aber bis zu einem gewissen Grade die Allmächtigkeit. Eine göttliche Eigenschaft fand er jedoch in dem heiligen Bürokrazius vollkommen verkörpert. Das war die Allgegenwart.
Bei diesem Studium der Allgegenwart des heiligen Bürokrazius mußte sich der hochwürdige Pater, indem er sich die nachfolgenden Fragen vorlegte, selbst eingestehen und bekennen: Machst du eine Türe auf, wer stehet draußen? Der heilige Bürokrazius. Machst du ein Fenster auf, wer glotzet herein? Der heilige Bürokrazius. Sperrst du einen Kasten oder eine Truhe auf, wer hocket drinnen? Der heilige Bürokrazius. Greifst du in den Hosensack, wen ziehest du beim Ohrwaschel herfür? Den heiligen Bürokrazius. Wer recket überall, aus den verstecktesten Winkeln und heimlichsten Örtlein seinen Kragen heraus? Der heilige Bürokrazius.
Derohalb bestand für den Pater Hilarius an der Allgegenwart dieses größten und mächtigsten Heiligen, des Schutzheiligen der menschlichen Dummheit, nicht der geringste Zweifel mehr.
Um so gewaltiger überraschte es jedoch den hochwürdigen Pater, daß er keine Legende des heiligen Bürokrazius finden konnte. Die Menschheit hatte also entweder in ihrer Dummheit oder in ihrer unverantwortlichen Undankbarkeit das Erdenleben desjenigen Heiligen totgeschwiegen, in dem sie lebte und webte, in dem sie aufging, der ihre geheimsten Verrichtungen überwachte, kontrollierte und registrierte.
Das fand der Pater Hilarius für unerhört. Er entschloß sich daher, die Legende des heiligen Bürokrazius zu schreiben, um der Menschheit einen Lebensspiegel desjenigen Schutzheiligen zu verehren, zu dem sie in Ehrfurcht aufblickte, vor dem sie in ihrer grenzenlosen Dummheit bebte und zitterte, gleich einem Espenlaub und gleich dem schlotternden Schweiflein eines blutjungen Lämmleins.
Da der hochwürdige Pater Hilarius aber nach dem Gutdünken seines eigenen Priors ein grober Knochen war, fand er noch einen dritten Vergleich für das Beben der menschlichen Dummheit vor dem heiligen Bürokrazius. Und er sagte zu sich selbst: Vor diesem saudummen Heiligen zittert das noch dümmere Rindviechgeschlecht der Menschen genau so wie eine schweinerne Sulz auf dem Teller.
Nachdem der Pater Hilarius diesen endgültigen Vergleich gefunden hatte, teilte er dem Prior seinen Entschluß mit, daß er die Legende des heiligen Bürokrazius schreiben und damit eine ebenso große wie unbegreifliche Lücke in der Geschichte der himmlischen Herrschaften ausfüllen wolle. Der hochwürdige Herr Prior gab seinem verehrten geistlichen Mitbruder unbeschränkten Urlaub für diese hochwichtige Arbeit.
Wie der Pater Hilarius seine Aufgabe gelöset hat, das mag das Nachfolgende beweisen. Es war die Arbeit eines Riesen. Denn es galt aus längst verschütteten Quellen, aus dem Staub der Archive und Bibliotheken, aus unzähligen Akten und Faszikeln, Schmökern und Traktätlein, aus dem Moder der Vergangenheit die Geschichte des mächtigsten Schutzheiligen der menschlichen Dummheit herauszugraben. Und nicht zuletzt blieb es dem Ingenium des hochwürdigen Paters vorbehalten, alle die vielen klaffenden Lücken auszufüllen, die sich in den oft widersprechenden Überlieferungen ergaben.