So war auch die Seligkeit der Heiligen im Himmel keine vollkommene; denn dieser Prophet war gleich gescheit wie jener Kirchenvater, und dieser ehrwürdige Patriarch konnte jenem heiligen Theologen jederzeit das Wasser reichen. Und jene Einsiedler der Wüste hatten schon während ihres Erdenwallens in ihrer Weltabgeschlossenheit so viel überflüssige Zeit gehabt, um über alle großen Probleme nachzudenken, daß sie mit dem Vorrat ihrer Gescheitheit für alle Ewigkeiten auslangten.
So bedeutete keiner für den anderen etwas Neues und noch nicht Dagewesenes. Und wenn einer zu der abgrundtiefsten Weisheit den Mund auftat, so konnte er sicher sein, daß sie der andere schon wußte. Es gibt aber nichts Ärgerlicheres, als wenn man nie einen Hauptsatz sagen kann, ohne daß der andere sofort den Nebensatz ergänzet. Das kann den Geduldigsten mit der Zeit zur Verzweiflung bringen.
So war es denn im Himmel allmählich gekommen, daß die meisten Heiligen überhaupt nichts mehr sprachen, sondern sich in undurchdringliches Schweigen hüllten. Deshalb war es mit der himmlischen Unterhaltung immer schlechter bestellet.
Da ereignete sich eines Tages das Wunderbare, daß ein Heiliger plötzlich einen Gedanken äußerte, von dem die anderen keine blasse Ahnung gehabt hatten. Welcher Heilige das war, das zu erforschen ist auch der größten Mühe und Sorgfalt leider nicht gelungen.
Es war aber ein Heiliger, der völlig unvermittelt in den kräftigen Ruf ausbrach: „Himmel, Herrgott, Sakrament und alle Heiligen! Wenn wir nur endlich einen dummen Heiligen unter uns hätten! Aber schon einen so saudummen, strohdummen und erzblöden Heiligen! Das wär’ eine Gaudi!“
Brausender Jubel erhub sich ob dieser Worte. Sie wirkten wie eine Erlösung aus großer Drangsal.
Alsogleich wurde eine feierliche Botschaft an den lieben Gott abgeordnet, deren Sprecher natürlich jener Heilige war, der den himmlischen Einfall gehabt hatte.
Der liebe Gott ging gerade auf der Himmelswiese spazieren, als sich ihm die Botschaft der Heiligen in aller Ehrfurcht näherte. „Ja, was ist denn heut’ los?“ frug der liebe Gott mit seinem gütigsten Lächeln. „Ihr schaut’s ja alle aus, als wenn euch die Hennen das Futter vertragen hätten. Paßt euch vielleicht was nicht da im Himmel heroben?“
Da sagte der Sprecher: „Halten zu Gnaden, Eure göttliche Majestät, etwas fehlet uns wirklich noch zu unserer himmlischen Seligkeit. Wir sind uns alle miteinander viel zu gescheit und wissen dahero nichts Rechtes mehr miteinander anzufangen. Und so möchten wir untertänigst gebeten haben, daß Eure göttliche Majestät gnädigst geruhen, unserm heiligen Konzilium auch einmal einen dummen Heiligen einzuverleiben. Je dümmer, desto besser. Mindestens so dumm, als Eure göttliche Majestät allmächtig sind. Den größten Trottel und Teppen, das ärgste Kamel, den ausgemachtesten Esel, das riesigste und erlesenste Rindviech, das gefunden werden kann. Auf dieser glänzenden Folie des Kontrastes wird sich dann unsere Gescheitheit so überwältigend abheben, daß sie uns nicht mehr als etwas Alltägliches erscheinet. Und der himmlische Humor, der sehr zu versauern drohet, wird dann neue und ungeahnte Blüten treiben!“
Da lachte der liebe Gott in seiner Allgütigkeit so gewaltig, da es nur so donnerte und daß vor dem schallenden Gelächter ein paar Dutzend Engelein aus dem Gezweige der Bäume auf die Himmelswiese purzelten, sich im Grase wälzten und fröhlich aus ihren jungen Kehlen mitlachten.