Der heiligmäßige Mann aber hockte auf einem wackeligen Stuhle vor einem Tische, der mit ganzen Bergen von Papier und mit dicken Folianten bedecket war. Auch die Wände waren rings mit verstaubten Faszikeln verstellet. Es herrschte eine Luft zum Ersticken.
Der Bewohner des Gemaches schien sich aber trotzdem recht wohl darinnen zu fühlen. Er war unter all dem Papier vergraben wie ein verkrümmter Wurm.
Über leibliche Schönheit verfügte er nicht. Er besaß eine riesige Glatze, von der nach hinten Strähne ungeordneten Haares in den Nacken fielen. Im Gesicht standen ihm die Bartstoppeln, als wenn er mit einem Stachelschwein Bruderschaft getrunken hätte.
Das merkwürdigste an seiner Erscheinung war aber seine ungeheure Nase, die eher einem schnüffelnden Rüssel, als einem menschlichen Riechinstrumente glich. Auch die Ohren waren von so gewaltigen Dimensionen, daß sie an die Hörwerkzeuge eines gewissen Grautieres erinnerten, das dem Müller Säcke schleppet. Blöde kurzsichtige Augen hinter großen Brillen, die immer wieder auf die Rüsselnase herunterrutschten, und ein breites Maul vervollständigten die anmutige Erscheinung.
Dabei litt der Mann offenbar an einer sehr unangenehmen Krankheit, nämlich an der Krawatitis posterior ascendens. Keine kriechende Laus, keine beißende Wanze und kein springender Floh kann einen sterblichen Menschen derart peinigen und zur Verzweiflung treiben, als just die Krawatitis posterior ascendens, das ist die hinten hinaufsteigende Krawattelkrankheit.
Der Mann kritzelte eifrig in seinen Papieren. Dabei hatte er aber unausgesetzt einen qualvollen Kampf mit seinem Krawattel zu führen, das ihm trotz aller Bemühungen unablässig und heimtückisch gegen den Hinterkopf emporkletterte und das er stöhnend und seufzend stets wieder in die richtige Lage zu bringen trachtete. Eine Folter, gegen welche die Arbeit des Sisyphus oder das Faß der Danaiden ein Kinderspiel ist.
Die himmlischen Sendboten waren auf leisen Sohlen unbemerkt und ungehört in das Gemach getreten und sahen dem Mann über die Schultern.
Da entdeckten sie, daß der sonderbare Heilige seit Jahr und Tag über alles Buch führte, was um ihn und in ihm vorging. Alles hatte er registriert, tabelliert, verzeichnet, aktenmäßig niedergelegt.
In mächtigen Folianten, über die sich der Nasenrüssel schnuppernd und wonnevoll schnaufend bewegte, war alles schwarz auf weiß zu finden ... wenn irgendwo in der Nähe eine Kuh muhte oder ein Schaf blökte, wenn ein Hund bellte oder eine Henne gackerte. Ja, sogar die Geräusche seines eigenen Ichs hatte der Mann sorgfältig und aktenmäßig zu Papier gebracht ... wenn er hustete, nieste, sich räusperte oder spuckte, wenn er rülpste oder sich schneuzte oder wenn ihm sonst etwas Menschliches widerfuhr. Auch die Krawatitis war in allen auf- und absteigenden Phasen und Stadien aktenmäßig festgeleget. Jeder Kuhfladen und jeder Roßknödel, deren Fall der Mann von dem beschränkten Gesichtskreise seines einzigen Fensters beobachten konnte, fand sich als wichtiger Beitrag zur Landwirtschaft protokollarisch aufgenommen. Und jeder derbe Fuhrmannsfluch, der gelegentlich einmal in das dumpfe Loch des merkwürdigen Heiligen hereinflog, war verewiget als Dokument der niedergehenden öffentlichen Sittlichkeit.
Unaufhörlich kritzelte und schnüffelte der heiligmäßige Mann. Noch immer hatte er die Eindringlinge nicht bemerkt. Da rief der Erzengel Michael begeistert: „Halleluja! Das ist doch der saudummste Kerl, den wir finden konnten!“