Schreiber dieser heiligen Legende hat zwar schon im vorhergehenden denen schwindelhaften Poeten als einem Lottergesindel feierlich abgesaget und abgeschworen. Deswegen hat er es sich aber doch nicht versagen können, dieses Hauptstück mit zierlichen und wohlgesetzten Reimlein einzuleiten. Er möchte sich aber sehr geharnischt dagegen verwahren, um dieser Reimlein willen unter das verächtliche Gelichter der Poeten einverleibet zu werden. Seine Reimlein sind keine Poesien, sondern der Abglanz und Spiegel der Wahrheit, speculum veritatis. Er hat nicht gedichtet und nichts erdichtet, auch nichts geschwefelt mit der Abschilderung des höllischen Schwefels, sondern nur der Wahrheit ein Gewand verliehen, das noch deutlicher in die Augen fällt, als die schlichte Prosa, und einen Ton, der euch in den Ohren klingen soll wie die Trompeten von Jericho.
Dabei hat er euch aber die Qual der Hühneraugen nochmals eindringlich vorführen wollen, damit ihr das richtige, nachdenksame und auferbauliche Verständnis für das Folgende findet, was er euch in diesem Hauptstück von dem heiligen Bürokrazio zu vermelden und zu berichten hat.
Es ereignete sich nämlich, daß den heiligen Bürokrazius seine Hühneraugen wiederum fürchterlich turmanterten, id est peinigten. Das schrieb sich dahero, dieweilen unterschiedliche frevelhafte Menschen, so noch nicht zu den Rindviechern zählten und derohalben seine heilige Sendung noch nicht erfasset hatten, dem Heiligen in niederträchtiger und heimtückischer Absicht wiederholt sonder Erbarmen auf diesen seinen empfindlichen Leibschaden der Zehen traten.
Das machte den Heiligen jedesmal so erbärmlich juhzen wie die Verdammten im höllischen Sudkessel. Gerne hätte er ad majorem dei gloriam auch diese Qualen seines Erdenwandels noch weiter ertragen. Besagtes Gejuhze vereinbarte sich aber nicht mit seiner Würde, die er kraft seiner himmlischen Sendung allerorten zur Schau tragen mußte.
Da dem heiligen Bürokrazio der Ton, in welchem die innere Stimme des Erzengels Michael mit ihm geredet hatte, für die Dauer gar nicht genehm war, wagte er es desto weniger, sich an diese himmlische Stimme zu wenden, weil ja die Materie seiner Hühneraugen schon einmal zwischen ihm und dem Erzengel Michael abgehandelt worden war.
Der heilige Bürokrazius setzte sich dahero wiederum mehrere Tage und Nächte nieder, wie er dies beim Denken bekanntlich immer zu tun pflegte, und dachte inständig darüber nach, auf welche Art und Weise er die Qual der Hühneraugen loswerden könnte, dieweilen ihm wegen der Boshaftigkeit der sündhaften Menschen auch die erhabene Berittenheit auf dem Amtsschimmel zwar eine zeitweilige, aber nicht eine immerwährende Befreiung von dieser großen leiblichen Sorge seines irdischen Wandels gebracht hatte.
Nachdem der Heilige reiflich und tief nachgedacht hatte, wurde ihm durch eine innere Stimme die Eröffnung: „Wende dich in einer gehörig begründeten Eingabe an die höchste Instanz, an den lieben Gott selber!“
Wem diese Stimme von oben angehörte, konnte der heilige Bürokrazius nie ergründen. Sie sprach jedoch zu ihm in einem höflichen und liebenswürdigen Tone.
Es handelte sich jetzo aber darum, die verlangte Eingabe an den lieben Gott zu verfassen. Und das war keine Kleinigkeit. Denn eine solche Eingabe war dem heiligen Bürokrazius in seiner ganzen Praxis noch nie vorgekommen. Auch besaß er hiezu keine Formularien oder sonstigen Behelfe. Nicht einmal in dem Mist des Amtsschimmels waren irgendwelche Andeutungen für den Verkehr mit dem lieben Gott zu finden.
Der heilige Bürokrazius pflog dahero sorgsame Beratungen mit seinem Stallknecht, dem heiligen Stultissimus. Der hatte ihm, bevor der heilige Bürokrazius sich auf das neuerliche tiefe Nachdenken über seine Hühneraugen verlegte, schon einmal den echt freundschaftlichen Rat gegeben, er solle sich seine Hühneraugen beim Hufschmied beschlagen lassen. Dieser Rat war aber damals von dem heiligen Bürokrazius mit berechtigtem Entsetzen zurückgewiesen worden, obschon er die Wohlmeinung desselben uneingeschränkt anerkannte.