Der heilige Stultissimus war nunmehro, nachdem ihm der heilige Bürokrazius von seiner neuesten himmlischen Eingebung Mitteilung gemacht hatte, der Ansicht, daß es eigentlich eine Frechheit sei, den lieben Gott mit seinen Hühneraugen zu belästigen. Aber wenn der heilige Bürokrazius schon meine, er solle es doch tun, dann möge er sich ja davor hüten, den lieben Gott um die gänzliche Befreiung von den Hühneraugen anzusumsen. Solche gänzliche Nachlässe irdischer Qualen seien eine unerhörte Forderung an die Allbarmherzigkeit des lieben Gott. Denn irgendetwas müsse der Mensch doch auf Erden zu leiden haben. Und sonst habe der heilige Bürokrazius ja auch nichts Arges zu erdulden. Nicht einmal von Kopfweh werde er jemals heimgesuchet.
Das leuchtete dem heiligen Bürokrazius denn auch ein, und so beschlossen die beiden Heiligen nach gewissenhaften beiderseitigen Beratungen, daß die Eingabe an den lieben Gott nur die Bitte enthalten sollte, der liebe Gott möge so gnädig sein, dem heiligen Bürokrazius seine Hühneraugen an eine Stelle seines heiligen Leibes zu versetzen, wo sie ihn nicht so fürchterlich schmerzen würden. Ein Endchen Qual wolle er ja in demütigster Unterwerfung gerne ertragen. Aber der gegenwärtige Zustand sei unerträglich und eine schwere Berufsschädigung.
Die Eingabe an den lieben Gott wurde alsobald erlediget. In dem heiligen Bürokrazius erhub sich nach einer abermaligen andächtigen Sitzung eine mächtige Stimme, welche er als die Stimme des lieben Gott erkannte.
Die Stimme war zwar nicht wesentlich höflicher als die des Erzengels Michael, sie erging sich aber doch nicht in derartigen Ausdrücken, wie sie der Erzengel liebte.
Die Stimme sprach aber ungefähr folgendes: „Hühneraugen hast? Wo anders willst sie haben? Das könnt’ jeder sagen. Laß’ mich ein bissel nachdenken, wo sie bei dir am ehesten Platz haben. Denn wisse, jedes Ding will seinen Platz haben. Auch die Hühneraugen. Halt! Ich hab’s. Ich versetz’ dir die Hühneraugen nach dem Hirn. Da hast du am meisten Platz dafür. Ist ohnedies nix drin. Sonst wärst ja nicht der heilige Bürokrazius. Siehst, wie gut es ist, wenn man im Schädel eine leere Kammer hat.“
Der liebe Gott sprach es. Und das Wunder geschah. Der liebe Gott versetzte in seiner himmlischen Gnade und Allmacht dem heiligen Bürokrazius seine Hühneraugen in das Hirn, wo sie als Einquartierung gut aufgehoben waren.
Und wie gnädig war der liebe Gott gewesen. Der heilige Bürokrazius hatte sich in seiner Eingabe nur nachzusuchen erlaubet, der liebe Gott möge ihm die Hühneraugen nach einer Stelle seines heiligen Leibes versetzen, wo sie ihn nicht so fürchterlich schmerzen würden. Mit einem Endchen Qual wolle er sich gerne abfinden. Nun hatte ihm der liebe Gott die Hühneraugen in das Hirn versetzet, und da verspürte der heilige Bürokrazius überhaupt keine Qual mehr. Denn jede Qual erfordert, damit sie gefühlet werde, ein Eintreten in das Bewußtsein. Nachdem jedoch dem heiligen Bürokrazius die Hühneraugen nach demjenigen Teile seines heiligen Leibes versetzet worden waren, der mit seinem Bewußtsein oder Verstande gar nichts zu tun hatte, konnten ihn die Hühneraugen im Hirn unmöglich mehr peinigen.
Es ist aber in unzähligen theologischen Schriften erwiesen, daß die göttliche Weisheit nichts tut ohne ihren ewigen Vorbedacht. So war auch die Versetzung der Hühneraugen des heiligen Bürokrazius in sein Hirn von Ewigkeit vorbedacht. Und diese vorbedenkende Weisheit des lieben Gott sollte sich alsobald zeigen.
Da die Hühneraugen nunmehro eine ungehinderte Freistatt hatten, sich üppig zu verbreiten, und sie kein Schuh mehr drückte, feierten sie in dem Hirn des Heiligen wahre Orgien der Vermehrung. Sie wucherten gleich Schwämmen zur Zeit des Jupiter Pluvius, wie die Antiken sagen würden, und drückten allgemach gewaltig gegen die Schädelwände.
Sintemalen jedoch der Heilige infolge der eigentümlichen Beschaffenheit, mit welcher er dachte, unmöglich Kopfschmerzen bekommen konnte, so störten ihn die Hühneraugen auch bei ihrer unheimlichen Vermehrung nicht im geringsten in seinem Berufe.