Sophie Rapp hatte mit ungewöhnlichem Ernst zugehört. Dann sagte sie mit einem leichten Vorwurf: „Nie sind Sie zu mir gekommen, Herr Altwirth! Haben sich nie blicken lassen bei mir, als ob ich nimmer existiert hätt’ für Ihnen!“

„Das haben Sie auch nicht mehr, gnädige Frau!“ erwiderte Felix leise und mit trotzigem Nachdruck.

Er hatte von Frau Therese Tiefenbrunner vieles gehört über Sophie. So viel, daß er sich beinahe schämte, weil er diese Frau einmal wie eine Heilige verehrt hatte. Und nie war es ihm auch nur entfernt in den Sinn gekommen, sie zu besuchen. Wozu an Vergangenes anknüpfen? Es hatte keinen Zweck, sagte er sich. Nur eine neue Enttäuschung würde es bedeuten und eine neue bittere Erfahrung mehr.

Jetzt, da er dieser Frau gegenüber stand, da sie ihm mit so viel ursprünglicher Heiterkeit und Güte über das Peinliche einer ungewöhnlichen Situation hinweghalf, tauchte in ihm etwas auf von jenem alten Gefühl, das er einst für sie gehegt hatte. Ein Gefühl der Dankbarkeit war es, daß sie ihm eine Demütigung ersparte.

„Das ist ja recht lieb von Ihnen!“ sagte jetzt Sophie lustig nach einer kleinen Pause des Nachdenkens. „Und deswegen sollt’ man Ihnen eigentlich bös sein. Aber ich will ein guter Kerl sein und alles vergessen. Da schlagen’s ein, Herr Altwirth! Aber herzhaft! Drucken’s nur mei’ Hand a bissel! Macht nix, wenn sie schmutzig wird!“ lachte sie, da sie bemerkte, daß Felix in einer gewissen Verlegenheit zuerst auf seine farbenbeklecksten Hände sah und dann auf den tadellos weißen Handschuh, der ihre große, gutgeformte Hand bekleidete.

Nun war das Eis bei Felix gebrochen. Frei und offen, wie er es schon lange nicht mehr getan hatte, sprach er mit Frau Sophie, die ihm teilnahmsvoll zuhörte. Es war merkwürdig ... Sie hatte jetzt auf einmal gar keine Eile mehr. Sie hatte sogar so viel Zeit übrig, daß sie Felix aufforderte, mit ihr ein bissel ins Extrazimmer zu kommen, damit sie doch wenigstens gemütlich miteinander plaudern könnten.

Die beiden Frauen gingen voraus, während Felix sich wusch und seinen Arbeitskittel gegen seinen gewöhnlichen Straßenanzug vertauschte.

Lange saßen die zwei, Felix und Sophie, dann allein nebeneinander. Recht lange. Und gleich einem alten Liebespärchen, das sich plötzlich wiedergefunden hat, plauderten sie und lachten und tuschelten sie wie vor Jahren. Felix erzählte der jungen Frau offen und unverhohlen, wie er es in früheren Zeiten getan hatte. Erzählte von seinem Leid und seinem Groll und von der ganzen Verbitterung, die ihm sein Dasein vergällte.

Mit großen, erstaunten Augen hörte die junge Frau zu. Nachdenklich stützte sie den Kopf in ihre Hand und sagte dann in einem warmen, innigen Ton: „Wenn ich das alles g’wußt hätt’! So viel hätt’ ich Ihnen ersparen können. Wirklich viel!“ fügte sie leise und bescheiden wie entschuldigend hinzu. „Ganz g’wiß! Aber sehen Sie, es geht noch alles! Sie werden’s sehen! Das muß einfach anders g’macht werden!“ erklärte sie in ihrer alten, resoluten Weise. „Das wär’ nit aus! Und wissen’s was, damit fangen wir jetzt gleich an!“ Dann sprang sie plötzlich von ihrem Sitz auf, lebhaft und lustig, und ergriff Felix an beiden Händen. „Jetzt schauen’s mich einmal an! Aber gut!“ forderte sie ihn auf. „G’fall ich Ihnen?“

„Natürlich, gnädige Frau!“ stimmte Felix heiter bei. „Sie gefallen ja jedem!“