Freundliche Menschen hatten es Frau Hedwig zugetragen, daß ihr Gatte sie mit der Frau des Advokaten Rapp hinterging. Und ihre Schwester, die Frau Baurat Goldrainer, war mit aller Energie bei dem Arzt vorstellig geworden. Das hatte den Erfolg gehabt, daß Doktor Storf sich jede Einmischung in seine Privatangelegenheiten verbat und drohte, mit den Verwandten seiner Frau gänzlich zu brechen, wenn so etwas noch einmal geschehen sollte.

Frau Goldrainer hatte der ruhige Ernst ihres Schwagers einen ganz gewaltigen Respekt eingeflößt. Am meisten imponierte es ihr, daß sich Max gar nicht aufs Leugnen verlegte. Ihr eigener Mann pflegte in solchen Fällen stets so lange zu lügen, bis er überführt war. Da Max Storf gar keinen Versuch zu seiner Rechtfertigung unternahm, war die Frau Baurat fast geneigt zu glauben, daß alles wirklich leeres Gerede von den Leuten sei.

Schließlich hatte man bis jetzt weder den Arzt noch Sophie ertappen können. Kein Mensch hätte es beschwören können, ob die Beziehungen, in denen diese beiden zueinander standen, mehr als ein bloßer Flirt waren.

In diesem Sinne sprach die Frau Baurat auch zu ihrer Schwester. Sie sprach gut zu ihr und vernünftig. „Weißt Hedwig,“ meinte sie, „mach dir nix draus, wenn er auch a bissel außigrast, dein Mann. Solang er gut ist mit dir und den Kindern, geht’s schon. Laß ihm jetzt sei’ Ruh’! Er kommt schon wieder zu dir z’rück. Kümmer’ dich nit!“ riet sie ihr. „Was du nit weißt, macht dir nit heiß.“

Die Frau Baurat sprach aus dem Schatze einer reichen Erfahrung, nur daß sie jene Weisheit, die sie jetzt der Schwester vortrug, selber nicht befolgt hatte. Aber auch Frau Hedwig tat nicht, wie ihr die Schwester riet.

Etwas wie Eifersucht war in der kleinen Frau rege geworden. Jetzt, nachdem sie den Gatten verloren hatte, nachdem sie es wußte, daß er nicht mehr ihr, sondern einer andern zu eigen war, empfand sie den brennenden Schmerz eines erlittenen schweren Unrechtes. Sie forschte nicht der Ursache nach, die Max Storf in die Arme einer andern Frau getrieben hatte. Sie dachte nicht mehr an sein ehrliches Streben, ihr nahe zu kommen, sondern sie fühlte nur die Kränkung, die für sie in seiner Untreue lag.

Und aus diesem Gefühl heraus tat sie wiederum das Gegenteil von dem, was sie hätte tun müssen. Sie verfolgte den Gatten mit ihrem Argwohn. Sie schlich ihm nach, heimlich in der Nacht, bis an die Villa des Rechtsanwaltes. Dort sah sie, wie er durch die unverschlossene Gartentür ging, wie die Haustür leise von innen geöffnet wurde und sich hinter ihrem Gatten ebenso unhörbar wieder schloß ...

Nun hatte Frau Hedwig die Gewißheit, und sie trug ihr Leid nicht aufrecht und schweigend wie Adele Altwirth, sondern weinte um ein Glück, das sie in Wahrheit nie besessen hatte.

Aus der schüchternen kleinen Frau Hedwig war eine schwermütige Kranke geworden. Und wie eine Kranke behandelte sie auch ihr Gatte. Er hörte geduldig und mit Nachsicht auf ihre Klagen und auf die sich fortwährend wiederholenden bitteren Vorwürfe. Hörte sie an ohne Widerrede, wie der Arzt die Stimmungen seines Patienten erträgt.

Max Storf ließ sich nicht auf Erörterungen ein. Er wußte, daß sie zu nichts anderem führen würden, als zu peinlichen Auftritten. Frau Hedwig aber weinte ... weinte und litt. Sie sehnte den Tod herbei, der sie von einem Leben befreien sollte, das für sie nie einen wirklichen Wert gehabt hatte.