So sprach sie neben andern auch mit Max Storf und äußerte ihm den dringenden Wunsch, daß er und seine Frau sich gleichfalls bei Felix malen ließen. Nicht ohne Ironie fragte sie der Arzt, woher denn plötzlich ein so reger Kunstsinn bei ihr komme?

„Das will ich dir schon sagen!“ hatte die Sophie ihm ohne die geringste Verlegenheit geantwortet. „Ich versteh’ nix von Kunst. Da hast recht!“ meinte sie. „Aber was ich versteh’, ist das, daß man einem Menschen aufhelfen soll, wenn er strebsam ist, nicht ihn noch niederdrücken!“

Max Storf war mit dieser Antwort zufrieden. Er lebte noch zu sehr unter dem Einfluß dieser Frau, als daß er ihr einen Wunsch hätte versagen können. Noch dazu, wo es sich um eine so vernünftige Sache handelte. Der Argwohn, der in ihm aufgetaucht war, verlor sich rasch wieder.

Der Arzt glaubte nicht an die unbedingte Treue von Sophie. Er verlangte sie auch nicht. Er wußte genau, daß es wider ihr Naturell war, einem Manne Treue zu halten. Er liebte sie, hing an ihr, weil sie ihm das bot, was er so lange entbehrt hatte. Mehr wollte er nicht von ihr und gab ihr auch nicht mehr.

Sophie hatte dem Arzt alles, was sie von Felix Altwirth wußte, erzählt. Und Max Storf fühlte ein gewisses Schuldbewußtsein gegen den einstigen Freund, um den er sich in den letzten Jahren so gut wie gar nicht mehr gekümmert hatte. Er empfand es nun als eine Ehrensache, den Künstler wenigstens jetzt überall zu fördern, wo er konnte. So kam es, daß sich nicht nur der Arzt und dessen Frau, sondern auch seine Verwandten und Bekannten bei dem plötzlich in Aufnahme geratenen Maler um ein Porträt bewarben.

Felix Altwirth hatte bald so viel zu tun, daß ihm sein bescheidenes kleines Atelier nicht mehr genügte und er sich nach einer größeren Wohnung umsehen mußte. Die neue Wohnung müsse elegant und schön sein, riet ihm Sophie. Denn nur dann könne er darauf rechnen, daß ihm die Gunst des Publikums erhalten bleibe.

„Weißt, Felix, jetzt geht’s ja. Jetzt kommst du in die Mode. Das muß ausgenützt werden. Ich kenn’ meine Leut’. Wenn die merken, daß du noch immer ein armer Teufel bist, dann ziehen sie sich zurück von dir. Aufdrahn heißt’s da! Zeigen, daß du zu an Geld kommen bist!“

Sophie hatte recht geraten. Mit dem Einzug in das neue Heim kehrte auch der Wohlstand bei den Altwirths ein. Aber nicht das Glück. Wenigstens nicht für Frau Adele. Sie blieb die einsame, fremde Frau, die sie stets gewesen war. Und blieb es jetzt durch ihre eigene Schuld.

Die Damen der Gesellschaft, die nun nach und nach alle zu Felix Altwirth kamen, um sich von ihm malen zu lassen, waren wie umgewandelt in ihrem Benehmen gegen des Künstlers Frau. Adele empfand jedoch keine Zuneigung zu den Frauen, die sie einmal aus ihrem Kreis gestoßen hatten. Jetzt wollte sie nicht mehr eine von ihnen sein, wollte allein bleiben und nur sich und ihrem Kinde leben.

Mit der Familie des Doktor Storf hatte sich in dieser Zeit wieder ein mehr herzlicher Verkehr angebahnt. Die kleine Dora kam oft, um mit Fritz und Klara, den beiden Kindern des Arztes, zu spielen. Dadurch kamen auch die beiden Frauen einander näher und lernten sich besser kennen, als bei den kühlen Anstandsbesuchen, die sie früher einander abgestattet hatten. Frau Adele fühlte es, daß sie in der kleinen verschüchterten Arztensgattin eine Leidensgefährtin besaß.