Da blieb der Rat Leonhard plötzlich stehen auf seinem Weg und stieß die Spitze des grauen Regenschirmes heftig in die von der Sonne erweichte Erde.

„So? Fort wollen Sie?“ fragte er, und sein Gesicht bekam einen ganz verbissenen Ausdruck. „Davonlaufen!“ Er sah die junge Frau scharf an. „Davonlaufen ist keine Kunst. Das kann a jed’s. Aber aushalten, das ist die Kunst. Das kann nit a jed’s!“

Adele Altwirth war noch ein wenig bleicher geworden, als sie sonst war. Sie wußte es nun, der alte Herr erwartete von ihr, daß sie um ihres Kindes willen bei dem Gatten bleibe. Nicht ihr Glück stellte er voran, sondern das Glück des Kindes.

Der Rat Leonhard hatte ihr öfters aus den Erfahrungen seiner gerichtlichen Praxis erzählt. Sie kannte die hohen moralischen Anforderungen, die er an ernste Menschen stellte. Für ihn gab es nur eines: die Pflicht, Pflichterfüllung bis zum äußersten.

„A Kind, das ohne Vater aufwachst, ist für die Gesellschaft halb verloren!“ hatte er einmal gesagt. „Es braucht den Vater und die Mutter. Der Zusammenhang muß da sein. Sonst ist’s g’fehlt.“

Nach reiflicher Überlegung mußte Adele dem alten Rat beistimmen. So sehr sich auch ihr Innerstes aufbäumte, so sehr sie sich gedemütigt und entehrt fühlte, sie mußte aushalten ... aushalten um ihres Kindes willen.

Vierzehntes Kapitel.

Die materielle Lage bei den Altwirths hatte sich schon nach ganz kurzer Zeit gebessert. Sophie Rapp hatte recht behalten. Das Porträt, das Felix von ihr gemalt hatte, war zur Ausstellung gekommen und fand bei der Kritik und beim Publikum so viel Beifall, daß es seinem Schöpfer gleich einige neue Aufträge brachte.

Daß das alles so rasch gegangen war, dazu hatte allerdings Sophie das Wesentlichste beigetragen. Sie verstand es meisterhaft, eine Sache zu vertreten, deren sie sich einmal angenommen hatte.