Da nahm Adele die Hand der kleinen Frau tröstend in die ihrige. Die beiden so ungleichen Frauen saßen jetzt ganz eng aneinander gedrückt. Hedwig blaß und schüchtern und trostsuchend. Die andere gerade und aufrecht, selbstbewußt und voll Würde. Eine lange, lange Pause entstand. Keine der beiden Frauen sagte ein Wort. Und so still war es in dem dämmerig beleuchteten Zimmer, daß es Hedwig vorkam, als könnte sie von der Frau, die ihr zur Seite saß, den lauten, kräftigen Schlag des Herzens hören.
Da plötzlich frug Adele, und ihre Stimme klang leise, fast flüsternd: „Glauben Sie, daß nicht auch andere Frauen das gleiche Leid erdulden müssen?“
Frau Hedwig sah erstaunt zu ihr auf.
„Sie sagen das so seltsam, Frau Altwirth ...“ sprach sie. Dann über eine Weile fuhr sie nachdenklich fort: „Ich hab’ g’hört ... sollt’ es wahr sein ... daß die Frau Rapp ...“ Mit großen, fragenden Kinderaugen sah sie zu der blonden Frau auf. „Aber das kann ja nit wahr sein. Da müßten Sie ja schrecklich unglücklich sein!“ sagte Hedwig naiv.
Und wieder herrschte tiefes Schweigen in der dämmerigen Stube.
„Wer sagt Ihnen, daß ich es nicht bin?“ frug Adele kaum hörbar.
„Ja ... aber ... aber ...“ stotterte Frau Hedwig verwirrt. „Ich begreif’ nit ... Ich begreif’ Sie nit ...“
„Begreifen nicht, daß ich nicht auch weine und mich aufreibe wie Sie?“ sagte Adele mit wehmütigem Lächeln. „Nicht wahr?“
Frau Hedwig nickte stumm und sah noch immer ganz verwundert und bekümmert zu der andern empor.
„Weil ich mehr Lebensmut besitze, als Sie, Frau Hedwig!“ fuhr Adele in bestimmtem Ton fort. „Mehr Mut und ... verzeihen Sie ... mehr Stolz!“