„Stolz?“ frug Frau Storf verständnislos.
„Ja, auch das merken Sie sich, Frau Hedwig! In dem Augenblick, wo die Frau aufgehört hat, für den Mann als Weib zu existieren, in jenem Augenblick muß ihre Würde einsetzen. Man weint und bettelt nicht um eines Mannes Liebe. Man trägt es ... fügt sich drein, und dann steigt man im Wert. Und das ist auch etwas, Frau Hedwig! Glauben Sie mir!“
Frau Hedwig Storf ließ ihr zierliches, schön geformtes Köpfchen hängen. Wie ein kleines, trauriges Vogerl, so kam sie der jungen blonden Frau vor. Es war etwas Rührendes, kindlich Vertrauensvolles in dem Wesen der kleinen Frau, als sie zu Adele aufblickte in stummer Bewunderung.
Sie konnte den Sinn der Rede nicht ganz erfassen. Dafür war sie innerlich zu unklar und zu verwirrt. Aber fortwährend hatte sie nur den einen Gedanken ... wenn die Sophie wirklich den Maler Altwirth liebte, dann ... dann ... konnte doch noch alles gut werden in ihrer Ehe. Dann konnte ihr eigener Mann wieder zurückfinden zu ihr. Dann ... Und aus diesem Gedankengang heraus bat sie jetzt Adele, sie möge die Vermittlerrolle übernehmen zwischen ihr und dem Gatten.
„Denn wissen’s, Sie sind g’scheit. Sie packen die Sach’ sicher besser an wie meine Schwester ...“ bat sie leise.
Es lag so viel vertrauensvolle Zuversicht in ihrer Bitte, daß Adele nicht ablehnen mochte. Sie freute sich über den guten Erfolg, den ihre Worte bei der jungen Arztensfrau gehabt hatten. Und sie bemerkte es auch mit Befriedigung, daß Frau Storf von jener Zeit an mehr an sich hielt und viel ruhiger und gefaßter wurde ...
Frau Adele Altwirth zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber, auf welche Art sie die übernommene Mission zur Ausführung bringen sollte. Sie überließ es dem Zufall. Der würde ihr schon helfen.
Felix Altwirth und Max Storf waren einander auch etwas näher gekommen. Der Arzt suchte den ehemaligen Jugendfreund auf, so oft er konnte. Er zeigte sich bei jeder nur möglichen Gelegenheit öffentlich mit ihm und versuchte es redlich, das alte, innige Freundschaftsverhältnis, das die beiden einmal vereint hatte, wieder herzustellen.
Aber trotz aller Bemühungen schien es, als ob der Riß, den diese Freundschaft erlitten hatte, nicht wieder gut zu machen sei. Felix konnte es nicht verwinden, daß auch Storf zu jenen gehört hatte, die ihn in den Zeiten der Not ruhig seinem Schicksal überließen. Dann war noch ein Grund vorhanden, der ein vollständiges Vertrauen bei Felix nicht aufkommen ließ. Und dieser Grund war Sophie.
Max Storf hatte sich in seinem Innern schon längst damit abgefunden, daß er nicht der einzige war, der sich Sophiens Gunst erfreuen durfte. Ihm war es gleichgültig, ob Felix oder ein anderer ihre Liebe genoß. Er hegte deshalb auch keinen Groll gegen Felix, und Sophie war rasch in seinen Gedanken vollständig ausgeschaltet, wenn er sich in Gesellschaft des Malers befand.