Adele war jäh zusammengezuckt. Wie ein plötzliches Erkennen kam es über sie. Sie gab keine Antwort und starrte fest vor sich hin. Max Storf sah, daß sie noch blässer geworden war und daß sie ihre schmalen, streng geschlossenen Lippen noch mehr aufeinander preßte.
„Eine Frau, die liebt, nimmt den Kampf auf um den geliebten Mann, wenn sie nicht ganz ohne Leidenschaft ist!“ fuhr Max Storf ernst zu reden fort. „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie tragen selbst die Schuld daran, daß ich so zu Ihnen spreche!“ fügte er hinzu.
Adele Altwirth sah mit einem vollen Blick ihrer grauen, beseelten Augen zu dem Arzte auf.
„Warum sprechen Sie von mir?“ frug sie dann. „Es handelt sich doch gar nicht um mich!“ sagte sie abweisend.
„Nein, sondern wohl um mich ...“ pflichtete er nachsichtig lächelnd bei. „Ich soll als das räudige Schaf ...“
„Können wir nicht ernst bleiben, Herr Doktor?“
„Ja. Aber dann sprechen wir von Ihnen, gnädige Frau!“ sagte Max Storf fest.
Wiederum herrschte eine Weile tiefes Schweigen zwischen den beiden. Dann sagte Adele nachdenklich: „Was hat diese Frau nur an sich, daß sie alle Männer wie im Sturm erobert?“
„Dasjenige, was den einen fehlt und was die andern in falschem Stolz zu überwinden trachten ... Leidenschaft!“ erwiderte Max Storf bestimmt.
„Ja ... das mag es wohl sein ...“ sprach Adele mit einem träumerischen Blick. Dann erhob sie sich und reichte dem Arzt die Hand. „Und nun haben Sie dasjenige mit mir getan, was ich eigentlich Ihnen tun wollte. Sie haben mich auf die richtige Bahn gewiesen. Ich fürchte nur, Sie kommen zu spät ...“ fügte sie leise hinzu.