„Grüß Gott!“ sagte die junge Frau leise, und ihre Stimme klang etwas gezwungen und unsicher. „Kennst du mich, Benedikta Zöttl?“ frug sie.
Die Karrnerin nickte gleichgültig. „Die Sophal ...“ sagte sie tonlos. „Freilich. Kenn’ di schon. Hab’ di oft g’sehen. Hab’ dir aufgepaßt, wenn der Gaudenz nit dabei war!“ kicherte das Weib leise und schadenfroh in sich hinein. „Unseroans freut si aa, wenn’s a noble Tochter hat!“ meinte sie. „Aber der Gaudenz hätt’s nit wissen dürfen ... der ...“
„Mag er mich noch immer nit?“ forschte die Sophie und sah sich schaudernd in dem engen Raum der Zelle um. Eine mäßig große Pritsche war da an die Wand gerückt, und das stark vergitterte Fenster, durch welches das Tageslicht hereinfiel, war so hoch oben angebracht, daß man es nicht einmal mit den Händen erreichen konnte. Eine bange, abergläubische Furcht überkam die junge Frau, und fest schmiegte sie sich an den Gatten, der neben ihr stand.
„Er mag di nit!“ bestätigte die Karrnerin gleichgültig und zog die magern Achseln empor. „’s macht aa nix. Ist guat so!“ nickte sie mit dem Kopfe. „Hast an braven Mann kriagt! An noblen, ha?“ Ein stechender Blick aus den schwarzen Augen des Weibes traf den Rechtsanwalt. „Hast es g’schickt g’macht, Madel! Besser wie i!“ lobte sie dann.
Sophie stand schweigend vor der Karrnerin und hielt sich fest an dem Arm ihres Gatten. Sie schämte sich ein wenig über das Lob der Benedikta.
„Aber der Gaudenz woaß nix davon!“ berichtete das Weib kichernd und wiegte sich schaukelnd hin und her. Sie hielt ihre Knie umschlungen und sah listig und schlau zu dem Rechtsanwalt auf. „Er kennt sie nit amal mehr!“ erzählte sie Doktor Rapp und deutete mit dem Kopf auf Sophie. „Niemand kennt sie. Koans von die Kinder woaß eppas von ihr!“ lachte sie schadenfroh.
Sophie atmete befreit auf. Es war ihr recht, daß sie niemand kannte und niemand von den Karrnerleuten etwas von ihr wußte.
Eine ganze Weile saß die Karrnerin schweigend da und stierte stumpfsinnig vor sich hin. Dann sah sie plötzlich zu Valentin Rapp auf und fragte: „Wird er g’hängt, der Gaudenz, ha?“ Es lag eine heiße Angst in ihrem Blick.
„Die Anklage lautet auf Totschlag ...“ sagte der Rechtsanwalt ausweichend.
„Totschlag! Dann ist er hin, der Hund!“ stieß die Benedikta wild hervor. „Recht ist’s! Hat ihn alleweil erzürnt, den Gaudenz!“