Seit ihrer Begegnung mit der Mutter hatte Sophie Rapp Schluß gemacht mit ihrer Vergangenheit. Die Erinnerung an ihre trübe Kindheit, an die Jahre des Elends und der rohen Grausamkeit hatten die junge Frau seelisch so gedrückt, daß es ein paar Wochen brauchte, bis sie ihre unbefangene Heiterkeit wiederfand.
Und als ihr Gatte ihr erzählte, daß Gaudenz Keil zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilt worden war und daß die Benedikta gleich nach dem Urteil spurlos verschwunden sei, da atmete Sophie auf wie von schwerer Last befreit.
Sie fühlte sich jetzt, nachdem sie von diesen Menschen ganz losgelöst war, zu denen sie einmal gehört hatte, aufs neue dem Dasein zurückgegeben. Fühlte, daß die alte, sprühende Lebenslust wieder Einkehr hielt bei ihr, daß sie wie früher frei und ungezwungen scherzen und lachen konnte und dem Glück ihrer Liebe leben durfte, das ihr ein gütiges Schicksal beschieden hatte.
Sechzehntes Kapitel.
In dem stillen, behaglichen Heim des Apothekers Tiefenbrunner herrschte heute ein reges Leben. Es war nicht oft der Fall, daß Frau Therese Gäste bei sich sah. Nur einmal oder zweimal im Jahr. Da bat sie alle jene Damen zu sich, denen sie eine Einladung schuldete.
Von Zeit zu Zeit kamen die Damen bald bei dieser und bald bei einer andern Bekannten zusammen. Es war immer derselbe Kreis von Damen, und es waren stets die gleichen Meinungen und Lebensauffassungen, die da geäußert wurden. Gute, gesunde Ansichten, allerdings etwas rückständig und spießbürgerlich. Das konnte auch gar nicht anders sein. Neue Elemente hatten so gut wie gar keinen Zutritt in diesem exklusiven Zirkel.
Ab und zu traf man bei der Frau Professor Haidacher eine fremde, unbekannte Dame. Die wirkte dann jedesmal wie eine Erscheinung aus einer andern Welt, die man kaum vom Hörensagen kannte.
Die Professorin war nicht so wählerisch in ihrem Umgang. Sie liebte es, mit neuen Menschen bekannt zu werden und ihre Ansichten kennen zu lernen. Wenn Frau Haidacher einmal eine wirklich nette Frau traf, so führte sie dieselbe gerne in ihrem Bekanntenkreis ein. Meistens waren das die Frauen von Berufskollegen ihres Gatten oder die Offiziersdamen der Garnison.
Frau Haidacher hatte die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, einen freieren und frischeren Zug in ihren Gesellschaftskreis zu bringen. Ein jeder dieser Versuche scheiterte jedoch stets kläglich. Die Damen waren wohl immer artig und freundlich gegen die Fremden, bewahrten aber doch eine so steife Zurückhaltung, daß ein herzlicher Ton unmöglich aufkommen wollte.