So kam es, daß Frau Haidacher gezwungen war, ihren Bekanntenkreis in zwei Teile zu trennen. Der eine bestand aus den Vertreterinnen der alten Familien der Stadt, der andere aus denen der eingewanderten Familien. Diese völlig verschiedenen Elemente einander näher zu bringen, sie gesellschaftlich zu vermischen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie lebten so ganz und gar getrennt voneinander, daß sie sich selbst nach vielen Jahren des gemeinsamen Aufenthaltes kaum dem Namen nach kannten.

Bei Frau Therese Tiefenbrunner war man stets vollkommen sicher, nur ganz intime Bekannte zu treffen. Frauen, von denen man alles haarklein wußte, deren Gesinnung einem genau vertraut war, die zu einem paßten und deren Familien, Väter, Großväter und Urgroßväter Innsbrucker waren und zum Teil eine Rolle in dieser Stadt gespielt hatten.

Es waren die Angehörigen der Patrizierfamilien Innsbrucks, die sich da trafen. Frauen, die stolz waren auf ihre bürgerliche Abkunft und die ihre gesellschaftliche Stellung um keinen Adelstitel vertauscht hätten. Sie waren Bürgerinnen, Töchter altangesehener Familien. Als solche fühlten sie sich, wollten nicht mehr sein und strebten nach keinem auch noch so hoch stehenden Bekanntenkreis. Die Gesinnung dieser Frauen war vererbt, pflanzte sich fort von den Eltern auf die Töchter und wurde von den Männern dieser Frauen bestärkt und genährt.

Ein stolzer Zug von Freiheit und Unabhängigkeit lebte in diesen Männern. Sie waren Männer, die aufrecht gingen, ohne Strebertum, selbstbewußt, zufrieden und selbstherrlich. Sie alle liebten die alte Stadt am Inn mit ehrlicher, aufrichtiger Begeisterung. Liebten sie, weil es ihre Heimat war, ein deutsches, berggekröntes Juwel, wie ein zweites wohl nicht mehr zu finden war. Und sie hielten diese Stadt hoch, ehrten sie und vertraten ihre Interessen nach bestem Wissen und Gewissen.

Diese starke Gesinnung der Männer spiegelte sich wider in der Art der Frauen. Da gab es keine unter ihnen, die auch nur das leiseste Verlangen gehabt hätte, aus ihrem Kreis herauszukommen. Sie waren zufrieden miteinander, klatschten manchesmal ein wenig unter sich und belächelten mit Nachsicht ihre Schwächen und Eigenheiten. Aber sie hielten fest und unerschütterlich zusammen und duldeten kein Eindringen eines fremden Elementes.

Wenn Frau Therese Tiefenbrunner eine Einladung gab, dann verursachte das jedesmal eine kleine Umwälzung in ihrem Hausstand. Die Tiefenbrunners hatten eine altmodische, aber recht gemütliche Wohnung am Innrain. Die Zimmer waren klein und für große Gesellschaften nicht geeignet. Da aber Frau Tiefenbrunner den Ehrgeiz besaß, genau so viele Damen auf einmal bei sich zu sehen, wie das die andern taten, so mußte jedesmal eine Umgestaltung ihrer Wohnräume stattfinden.

Da wurde gerückt und geändert, und die Möbel wurden umgestellt, bis der nötige Platz für so viele Menschen gefunden war. Alle die überflüssigen kleinen Gegenstände, die Tischchen, Truhen, Blumenständer und Vogelkäfige, welche die Zimmer so behaglich erscheinen ließen, mußten weichen, um nur der notwendigsten Einrichtung Platz zu machen.

Trotzdem waren die Damen so eng aneinander gepfercht wie die Sardinen in der Büchse. Sie unterhielten sich aber ganz vortrefflich, schwatzten und lachten miteinander, tranken Tee oder Kaffee und verzehrten den herrlichen Kuchen, den die Apothekerin selbst gebacken hatte.

Ungefähr zwanzig Damen hatte Frau Tiefenbrunner zu sich gebeten. Sie saßen alle um einen großen runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Und vor ihnen lagen wahre Berge der verschiedensten Bäckereien und delikaten Brötchen. Auf dem Büfett, das in seinem behaglichen Ausbau fast eine ganze Wand einnahm, standen große verkorkte Flaschen neben fein geschliffenen Weinkelchen und harrten geduldig des Augenblicks, in dem sie zur Erhöhung der allgemeinen Stimmung beitragen durften.

Ein fröhliches Plaudern und Lachen erfüllte den nicht sehr hohen viereckigen Raum des Zimmers. Wenn die Damen unter sich waren, dann konnten sie fast ausgelassen lustig sein, und von der ihnen sonst eigenen steifen Zurückhaltung war nichts mehr zu bemerken.