Frau Therese Tiefenbrunner strahlte vor innerer Zufriedenheit. Sie war froh, wenn es ihren Gästen gut bei ihr gefiel und diese den dargebotenen Genüssen nach Herzenslust zusprachen. Immer wieder bot sie den Damen an und nötigte sie mit etwas ungeschickter Aufdringlichkeit zum Essen und Trinken.
„Aber so essen’s doch! Nehmen’s doch, Frau Patscheider!“ Die Apothekerin hielt der Frau Patscheider, die neben ihr saß, eine große Platte belegter Brötchen hin. Das Dienstmädchen hatte sie gerade wieder neu gefüllt auf den Tisch gestellt.
„Ich bitt’ Ihnen, Frau Tiefenbrunner,“ lachte die Frau Patscheider, „ich kann ja schon bald nimmer schnaufen vor lauter Essen!“ Und sie biß herzhaft mit ihren gesunden weißen Zähnen ein großes Stück von dem Kuchen herunter, den sie in der Hand hielt.
„Kochen kann sie, unsre Apothekerin! Das muß man ihr lassen!“ rühmte die Frau Direktor Robler. „Nirgends in der ganzen Stadt kriegt man so einen guten Kuchen zu essen.“
„Und die Bröterln! Die erst!“ sagte die Frau Professor Haidacher und nickte der Apothekerin lustig zu. „So was Feins! Ich halt’ mich am liebsten bei die Bröterln auf. Her damit!“ kommandierte sie heiter. Die Apothekerin reichte ihr dienstbeflissen die Platte über den Tisch.
Zur Feier des Tages hatte Frau Tiefenbrunner ein schwarzes Kleid von ganz besonders schwerer Seide angezogen und sah darin sehr vorteilhaft aus. Es war merkwürdig mit Frau Therese Tiefenbrunner. Die Zeit vermochte ihr nichts anzuhaben. Blieb bei ihr stehen und ließ sie aussehen wie vor zehn Jahren.
Die Frau Baurat stellte innerlich diesen Vergleich an und war der Apothekerin fast etwas neidisch. Frau Tiefenbrunner war ja niemals eine schöne Frau gewesen. Sie war stets robust und von derber Gesundheit gewesen. Eine einfache, simple Frau, die sich immer gleich blieb und an deren Äußerem das Alter keine Verheerung anrichten konnte.
Frau Goldrainer gestand es sich ein, daß sie froh gewesen wäre, wenn sie sich wenigstens noch einen Schimmer ihres einstigen blühenden Aussehens mit in das Alter gerettet hätte. Aber das lag wohl nicht in ihrer Familie, beruhigte sie sich dann selbst. Die alterten alle rasch. Auch ihre Schwester, die Frau Doktor Storf, war eine schon vor der Zeit gealterte Frau geworden. Kein Mensch hätte geglaubt, daß diese blasse, verfallene, kleine Frau kaum Mitte dreißig zählte.
Frau Hedwig Storf war seit einiger Zeit bedeutend ruhiger geworden. Ihre Schwester bemerkte es mit Befriedigung, und sie kannte auch die Ursache dieser Besserung. Doktor Storf hatte seine Beziehungen zu Sophie Rapp nun vollständig aufgegeben, und die Frau des Rechtsanwaltes schien jetzt tatsächlich nur mehr für den Maler Altwirth zu schwärmen. Der Gedanke an Felix Altwirth war es bei der Frau Baurat, der sie die Rede auf den Maler bringen ließ.
„Da fallt mir grad’ ein, Frau Patscheider,“ sagte die Frau Baurat, „Sie haben Ihnen ja gar noch nit einmal von dem Altwirth malen lassen!“