Die kleine Dora sah ihm mit ihren großen, fieberglänzenden, blauen Augen forschend ins Gesicht. „Du, Onkel Storf,“ fragte sie, „ist Scharlach eine böse Krankheit?“

„Ja, mein Kind! Warum fragst du?“

„Ach, weil die Elsa Müller in unserer Klasse Scharlach hat. Und da sind wir alle so erschrocken, weil wir denken, daß es sehr weh tut!“ erzählte sie bedeutungsvoll.

Die kleine Dora war jetzt schon ein großes Schulmädchen geworden und ging bereits den zweiten Winter zur Schule. Sie war aber noch immer dieselbe liebe kleine Plaudertasche wie früher, als Altwirths noch droben bei der Weiherburg hausten.

Nun kam Felix Altwirth ins Zimmer und erkundigte sich besorgt nach dem Befinden des Kindes. Es lag eine gereizte, nervöse Angst in seinem Wesen. Doktor Storf beruhigte ihn.

„Kannst getrost sein, Felix! Kein Grund zu Besorgnissen!“ sagte er.

„Dora! Dorele!“ schmeichelte jetzt der Vater ganz glücklich dem Kinde. „Bist ein rechter Schlingel! Dem Papa solche Angst einjagen!“ schalt er sie im Scherz. „Es sollen ja tatsächlich mehrere Scharlachfälle mit tödlichem Ausgang vorgekommen sein?“ wandte er sich dann zu dem Arzt.

„Leider!“ stimmte Max Storf bei. „Die Krankheit tritt heuer bösartig auf.“

„Am liebsten ließe ich das Kind überhaupt nicht mehr zur Schule gehen!“ sagte Felix Altwirth aufgeregt.

„Oh, Papa! Lieber Papa!“ bat die kleine Dora flehend und sah ihren Vater ganz erschrocken an. Sie hatte sich im Bettchen aufgesetzt und hielt bittend ihre beiden Hände empor. Ihr goldblondes Haar fiel ihr in weichen Locken bis auf die schmalen Schultern herab, so daß sie in dem weißen Nachtkleidchen aussah wie ein lebender kleiner Engel. In ihrem hochroten Gesichtchen zuckte es wie von verhaltenem Weinen. „Wo ich so gern zur Schule gehe!“ bat sie. „Ich will ja gewiß brav sein und ruhig und will achtgeben! Tu mir nur das nicht an!“