Adele und Max Storf beschwichtigten gemeinsam das erregte Kind und versprachen ihm, daß sie gleich wieder zur Schule dürfe, sobald sie erst ganz gesund sei.

„Man muß in solchen Fällen Fatalist sein, Felix!“ sagte der Arzt. „Es bleibt nichts anderes übrig. Die Krankheit ist ja gefährlich und höchst ansteckend. Aber ich kenne Fälle, wo ängstlich behütete Kinder ihr zum Opfer fielen. Kinder, die nie mit einem andern Kind in Berührung kamen. Und gerade solche Kinder, scheint es, bieten einen fruchtbaren Keimboden für derartige Krankheiten.“

Solange die kleine Dora krank lag, kam Doktor Storf täglich ins Haus. Mitunter sogar zweimal. Er fühlte es, daß es Frau Adele eine Beruhigung gewährte, wenn er bei dem Kinde Nachschau hielt. So kam er gern. Weniger als Arzt wie als Freund.

Und einmal traf er zufällig mit Frau Sophie Rapp zusammen. Es war eine flüchtige Begegnung in dem geräumigen Vorhaus der Altwirths. Adele geleitete den Freund bis an die Tür des Hausganges und plauderte fröhlich und angelegentlich mit ihm. Sie verstanden sich gut, diese beiden und wußten einander immer etwas zu erzählen.

Doktor Storf empfand eine tiefe Verehrung für die Frau seines Freundes, die sich, je näher er sie kennen lernte, immer mehr steigerte und befestigte. Je mehr er in der Seele dieser Frau lesen gelernt hatte, desto deutlicher empfand er es, daß gerade Adelens Wesen und Art die Ergänzung seines eigenen Charakters bildete. Diese ruhige, heitere, sich stets gleich bleibende Art, die von einer großen inneren Ausgeglichenheit zeugte, hatte er sich ja immer ersehnt.

Es war kein leidenschaftliches Aufflackern der Gefühle, das ihn zu Adele drängte. Es war die bewußte Erkenntnis, daß gerade Adele und er selbst in ihren ganzen Anlagen, in ihrem Geschmack und in ihrer Lebensauffassung wie füreinander geschaffen waren.

Mit keinem Wort verriet Doktor Storf sein innerstes Empfinden. Es war eine stumme, warme Huldigung, die er ihr darbrachte und die Adele fühlte und dankbar annahm.

Eine Weichheit des Denkens und Empfindens war über Adele Altwirth gekommen. Und der eisige Ring, der ihr warmes Herz wie ein fester Panzer umklammert hielt, löste sich allmählich. Ihr neu erwachtes Innenleben verschönte sie und machte sie unsagbar glücklich. Adele war ihrem Schicksal dankbar für das, was es ihr bestimmt hatte. Für die echte und ehrliche Freundschaft eines ritterlich denkenden Mannes, an dem sie einen Halt und eine Stütze gefunden hatte.

Mit scharfem, erkennendem Blick durchschaute es Sophie Rapp, wie es mit Adele und Max Storf stand. Es waren nur wenige Augenblicke, die sie die beiden zusammen sah. Aber sie, die Meisterin der Liebe, erkannte es, daß in den Gefühlen der beiden eine Glut schlummerte, die nur des Zufalls bedurfte, um zur Flamme entfacht zu werden.

Es war ein kurzer, scharfer, spöttischer Blick, mit dem sie den Arzt ansah. Dann wandte sie sich in ihrer heiteren Weise ruhig und ungeniert der Künstlersfrau zu.