„Ja, Frau Adele, daß man Ihnen einmal zu Gesicht kriegt!“ neckte sie die junge Frau. „Sonst sind’s ja immer verschwunden. Sperren Ihnen ein wie eine Heilige im Schrein. Aber freilich, wenn man so einen Besuch kriegt!“ Sie deutete neckisch mit dem Finger auf den Arzt. „Dann steigen auch die Heiligen aus ihren Höhen herab!“
Lustig und ausgelassen lachte sie. Wiegte sich, wie es ihre Art war, kokett in den Hüften und betrachtete abwechselnd bald Adele und bald den Doktor.
Max Storf sah verlegen auf Adele, in deren blasse Wangen ein leichtes Rot gestiegen war. Daß Sophie Rapp so resolut und mit so dreisten Händen in das zarte Gewebe ihrer Freundschaft griff, verletzte sie beide. Doktor Storf nahm, so rasch er konnte, Abschied von den Damen. Sein Gruß klang gezwungen und etwas steif.
Adele wollte Sophie ins Atelier führen, aber Sophie lehnte ab. „Lassen’s mich doch zuerst einmal nachschau’n beim Dorele!“ sagte sie munter. „Es geht ihr besser, hab’ ich g’hört. Und da hab’ ich ihr ein paar Zuckerln mitgebracht. Die möcht’ ich ihr geben.“ Sie enthüllte eine hübsche Bonbonniere, die einen lieblichen Engel darstellte.
„Ach, wie schön!“ sagte Adele. „Der wird die Dora aber freuen!“ Und sie ging voran, um Sophie zu dem kranken Kind zu führen ...
„Jetzt sagen’s mir einmal, Frau Altwirth ...“ fing Sophie plötzlich ganz unvermittelt an, als sie beide wieder aus dem Kinderzimmer getreten waren. „Wie können denn Sie das aushalten? Ich mein’, das mit dem Doktor Storf?“ fragte sie neugierig und sah der blonden Frau forschend ins Gesicht.
„Ich verstehe Sie nicht, Frau Doktor!“ erwiderte Adele abweisend.
„Ah, geh’! Stellen’s Ihnen nit so!“ sagte Sophie. „Sie wissen recht gut, was ich mein’! Ein jed’s Kind kann’s ja sehen, daß der in Ihnen vernarrt ist! Und ... na ja ... ganz gleichgültig ist er Ihnen auch nit! Das hab’ ich schon g’sehen!“
„Doktor Storf ist mein Freund!“ wies Adele Frau Sophie in etwas hochfahrendem Ton zurecht. „Wie Sie dazu kommen, Unrat zu wittern ...“
Nun lachte Sophie hell und lustig auf. „Sie Patscherl, Sie! Wenn ich das tät’, dann wüßt’ ich ja, wie’s steht mit Ihnen. Aber das ist’s ja gerad’, was ich nit begreif’! Diese keusche Zurückhaltung!“ sagte sie in mokantem, pathetischem Ton. „Das hat ja gar keinen Zweck! Wenn er Ihnen g’fallt, so nehmen’s ihn doch!“