Adele war abwechselnd blaß und rot geworden bei den Reden dieser Frau. „Ich denke nicht daran!“ sprach sie energisch und abweisend. „Ich will mich rein halten, nicht der Spielball sein in dem Leben eines Mannes!“

Es lag eine tiefe Härte in ihren Worten. Sie wollte Sophie treffen ... aber sie traf sie nicht.

„Spielball?“ sagte Sophie mit ehrlichem Bedauern. „Wenn Sie das wirklich glauben, dann tun’s mir leid! Sie sind doch keine Klosterfrau und dürfen Ihr Leben genießen! Warum tun Sie’s nit?“

„Weil ich verheiratet bin und meinem Gatten Treue geschworen habe!“ sagte Adele fest.

„Treue?“ Sophie Rapp war auf einmal ernst geworden. „Frau Adele,“ sprach sie, „ist das wirklich der Müh’ wert, daß Sie Ihr ganzes Leben umsonst gelebt haben? Wollen Sie nit lieber ehrlich sein mit sich selber? Treue? ... Wissen Sie überhaupt, was Liebe ist? Glauben Sie nit, daß es Sie einmal reuen wird, daß Sie Ihr Leben vertrauert haben ... einem einzigen leeren Wort zulieb! Nein, Frau Adele, das ist nit recht! Das ist gegen die Natur!“

Adele Altwirth sah mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. Sie konnte nicht gleich die rechten Worte finden zu einer Erwiderung. Auch fühlte sie, daß das, was ihr Sophie Rapp da sagte, ein Körnchen Wahrheit barg.

Diese Lebensanschauung war ihrer eigenen vollständig entgegengesetzt. Sie war brutal egoistisch. Niedrig wollte Adele sie nennen. Aber bei dem bloßen Gedanken an diese Bezeichnung hielt sie inne. War es wirklich niedrig? War es gemein? War es nicht doch die ureigenste Stimme der Natur, die Sophie vertrat?

Vielleicht hatte die Frau da doch recht. Es war vielleicht nur mißverstandene Moral, eine Tugend, die in Wirklichkeit nur Eitelkeit und Feigheit war. Feigheit und Mangel an innerer Kraft, dasjenige auch durchzuführen, das man vor sich selber als sein persönliches Recht erkannt hatte.

Warum sollte nur das allein richtig sein, was durch althergebrachte Gewohnheit als ein Sittengesetz aufgestellt war? Sprachen nicht die vielen Tausende der unglücklichen Ehen gegen dieses Gesetz? Warum sollte der eine verkümmern und der andere in Überfluß schwelgen? Sprach sich nicht die Natur selbst dagegen aus? Und Sophie Rapp? War es wirklich ein so schweres Unrecht, das sie beging, weil sie dem eigenen Trieb folgte?

Sophie Rapp sah den Zwiespalt, der sich in der Seele des jungen Weibes abspielte. Frau Adele erbarmte ihr. Sie hatte ehrliches Mitleid mit der Frau, die so früh aufgehört hatte, Weib zu sein.