Sie dachte nicht daran, daß ja sie selber ihr den Gatten entfremdet hatte. Daß sie es war, die mit leichtsinnigen Händen diese Ehe zertrümmert hatte. Für Sophie galt nur das Recht der Liebe. Sie genoß in vollen Zügen. Warum sollten andere sich zurückhalten und nicht auch ihren Anteil an dem Glück haben?

„Das Leben ist kurz, Frau Altwirth!“ sagte Sophie über eine kleine Weile. „Und hat nit viel Schönes für die Menschen übrig. Wir müssen es uns selber schön machen, so gut es geht.“

„Ist das schön ... wenn ich meine Frauenehre mit Füßen trete?“ frug Adele herb.

Da neigte sich Sophie Rapp ganz nahe zu der blonden, hohen Frauengestalt, die neben ihr stand, und flüsterte ihr leise zu: „Das Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe! Es ist das einzige wahre und echte Gefühl, weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt, der hat sein Leben nicht gelebt!“

Adele Altwirth preßte fest die Lippen aufeinander. Ein Sturm von unterdrückter Leidenschaft tobte in ihrem Innern. Warum wies sie dieser Frau nicht die Tür? Warum ließ sie es zu, daß sie in einer solchen Sprache mit ihr redete?

„Ich werde nichts bereuen!“ stieß Adele gepreßt hervor. „Ich werde mich nie erniedrigen!“

Sophie Rapp nahm die eisig kalte Hand der jungen Frau zwischen ihre brennend heißen Hände und sagte warm: „Vielleicht denken’s noch einmal anders, Frau Altwirth! Ich hoff’s ... für Ihnen! Aber merken Sie sich’s, wenn man ehrlich liebt ... wissen’s ... so recht heiß und von ganzem Herzen ... dann gibt’s nur ein Verlangen, nur ein Sehnen ... und das, Frau Adele ... das ist dann kein Wegwerfen nit! Das ist Menschenrecht ... weiter nix!“ —

Adele Altwirth stand noch lange, nachdem Sophie von ihr gegangen war, in dem Zimmer ... stand nachdenklich und mit sinnendem Blick da.

Diese Frau mit ihren Reden hatte alles aufgewühlt in ihr. Sie trug die Schuld daran, daß Adele nun viele schlaflose Nächte hatte. Nächte, die sie in heißem Ringen mit sich selber zubrachte, in denen sie mit Macht ankämpfte gegen eine Leidenschaft, zu deren voller Erkenntnis sie durch die Worte der Frau Sophie Rapp gekommen war.

Erst nach vielen Wochen hatte sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden, und sie konnte wie zuvor mit derselben unbefangenen Herzlichkeit Max Storf entgegentreten. Adele Altwirth war selig und stolz auf sich selber, daß sie den Sieg über die eigene Natur davongetragen hatte. Sie freute sich darüber wie über ein großes, unerwartetes Glück. Sie genoß dieses Glück, genoß die herzliche Freundschaft und Verehrung des Freundes und liebte ihr Kind, dem sie eine reine Mutter geblieben war, mit noch innigerer Liebe ...