Die kleine Dora war nun wieder ein ganz gesundes, frisches Mäderl geworden. Sie hüpfte herum, munter und heiter, und zwitscherte wie ein loser, übermütiger, kleiner Vogel in seiner goldenen Freiheit.

Der alte Rat Leonhard freute sich ganz besonders über seine lustige kleine Freundin. Seit die Altwirths in Wilten wohnten, hatte der Herr Rat eine kleine Veränderung in den Gepflogenheiten seines Lebens treffen müssen. Jeden Tag, den Gott gab, stand der Rat Leonhard vor den Toren der Schule und wartete geduldig, bis die kleine Dora herausgesprungen kam und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zulief.

Daß der Rat Leonhard sie jeden Nachmittag von der Schule abholen müsse, das hatte sie sich von ihm ausgebeten. Sie hätten ja sonst gar nichts mehr voneinander, meinte sie schmollend. Und was die kleine Dora anzuordnen beliebte, das führte der alte Herr aus wie auf einen hohen Befehl.

Er freute sich von Tag zu Tag auf das Zusammentreffen mit dem Kinde und auf den kurzen Weg von der Schule bis zu ihrem Haus. Er freute sich immer auf die lose, schalkhafte Art, wie sie dem Kreis ihrer Mitschülerinnen behend entwischte und ihn dann wie ein junges, aus der Gefangenschaft entlassenes Tierchen ansprang. Mit beiden Armen umhalste sie ihn ungestüm, drehte sich mit ihm übermütig wie ein Kreisel herum und rief immer wieder: „Onkel Rat! Onkel Rat! Lieber, alter Onkel Rat!“

Diese ungestüme Zärtlichkeit bereitete dem alten Junggesellen eine innige Herzensfreude. Er lebte ganz in der Welt des Kindes, kannte ihre Freundinnen und ihre kleinen Gegnerinnen in der Schule. Wußte von ihren Aufgaben und von ihren Lehrerinnen. Alles erzählte sie ihm. Plapperte ununterbrochen, bis sie sich dann vor ihrem Haus trennten. Denn die Wohnung der Altwirths betrat der Rat Leonhard nur höchst selten. Er hatte keinen Wunsch mehr, mit dem Maler Altwirth zusammenzutreffen.

Mit Frau Adele traf er sich im Winter jetzt öfters. Die kleine Dora hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß der Onkel Rat an den schulfreien Tagen mit ihr rodeln gehen müsse. Das tat sie nämlich leidenschaftlich gern. Jauchzte laut auf vor Lust, wenn der Schlitten über die Berghalde sauste. Und da es ihr so sehr gefiel, so glaubte sie, daß es ihrem alten Freund gleichfalls gefallen müsse. Aber trotz Doras Bitten und Betteln war der Rat Leonhard nicht zu bewegen, seine steifen, alten Glieder einer Rodel anzuvertrauen. Er ging mit, um Dora bei ihrer lustigen Schlittenfahrt zu bewundern und sich an ihrer Freude zu ergötzen.

So wanderten die drei, Adele Altwirth mit ihrem Töchterchen und der Rat Leonhard, ganz so, wie sie es in früheren Jahren getan hatten, gemeinsam auf einsame Bergabhänge, von wo dann Adele mit dem Kind hinunterrodelte.

Selig, jauchzend vor Freude und mit ganz blauem Gesichtchen saß das Kind vor der Mutter auf dem Schlitten. Die schneidend kalte Bergluft pfiff ihr um das sorgfältig vermummte Gesicht. Nur die Augen und das Näschen waren unter der dicken, hochroten Samthaube zu sehen.

Die drei durchstreiften jetzt einen andern Teil von der Umgebung der Stadt. Sie gingen jetzt nicht mehr hinauf zur Weiherburg, sondern trieben sich mehr auf der Wiltener Seite herum, nahmen die Richtung gegen Schloß Mentelberg und gegen das Oberinntal zu oder benützten die sachte abfallenden Schneegelände, die von der Brennerstraße herunter zur Stadt führten.

Da oben war es ganz besonders herrlich schön. So frei und weit schien die Welt da zu sein. Und die Nordkette in ihrer stolzen Pracht bedrückte nicht so wie drunten im Tal ...