So ging der Winter dahin. Und dem Winter folgten frühe Ostern, die heuer so zeitlich fielen, daß der Schnee im Tal sich mit Eile daran machte, dem sprossenden, nach Leben drängenden Grün der Wiesen zu weichen.
Das blonde kleine Mädchen der Altwirths freute sich auf den Osterhasen. Freute sich darauf wie noch nie. Immer schwärmte sie von den Osterferien, die nun kommen sollten, und von den weiten Wegen, die sie dann mit dem Onkel Rat machen würde. Überallhin, wo die liebe Sonne so warm und hell schien. Überallhin, wo schöne, frische Blumen wachsen würden, die sie alle, alle pflücken und dann sorgsam pflegen wollte. Sie hatte solche Sehnsucht nach Blumen, die kleine Dora ...
Ostern kam ...
Ein krankes Kind lag in schweren Fieberträumen ... Scharlach ... Es bäumte und wälzte sich auf seinem Lager und konnte kaum zur Ruhe gebracht werden. Und vor ihm kniete Adele in heißer Angst und betete. Sie betete zu Gott, daß er ihr das einzige und letzte Glück ... ihr Kind lassen möge. Sie betete mit Inbrunst wie sie noch nie gebetet hatte im Leben. Sie betete mit dem reinen Glauben ihrer Kindheit und voll Vertrauen ...
Die Tage schlichen dahin in endloser Qual. Einer um den andern ... Stunde um Stunde ... Minute um Minute ...
Adele geizte mit jeder Minute ... rang in ohnmächtiger Verzweiflung mit dem Würger ihres Kindes.
Sie wußte, daß es keine Hilfe gab. Doktor Storf hatte es ihr sagen müssen.
„Doktor ... helfen Sie ... retten Sie ...“ Wie eine Wahnsinnige hatte Adele ihn angefleht, war auf den Knien vor ihm gelegen und hatte seine Hand geküßt. „Doktor ... retten Sie ... ich darf mein Kind nicht verlieren ... Doktor ... es ist das Letzte, was ich habe im Leben!“
Und Doktor Storf war erschüttert davongerannt mit rasend schnellen Schritten. Fort ... fort ... wo er nicht helfen konnte ... fort ... um den Schmerz der geliebten Frau nicht mehr zu sehen. Noch nie war ihm sein Beruf so hart angekommen.
Einsam saß Felix Altwirth in seinem Atelier. Er konnte nicht arbeiten ... Die Angst lähmte ihm sein Denken ... machte ihn stumpf und apathisch. Er konnte nicht zu dem Kind gehen und das Ringen des jungen Lebens mit dem Tode sehen ... Warum mußte das kommen ... warum? ... War es eine Strafe für ihn? ... Aber warum mußte dann sie leiden ... Adele ... die doch schuldlos war?