In dem dämmerigen Zimmer des Kindes herrschte eine lautlose Stille. Die Vorhänge waren heruntergelassen und hielten die letzten Strahlen der scheidenden Sonne ab ...
Drunten auf der Straße, vor den verhüllten Fenstern des Kinderzimmers schlich der alte Rat Leonhard auf und nieder. Ganz traurig und gebeugt ging er, der alte Herr, und hatte gar keine Schrullen mehr. Sein jetzt schneeweißer Kopf war tief gesenkt, und in der Hand hielt der Herr Rat ein winziges Sträußchen der ersten Frühlingsblumen. Er hatte einen weiten Weg machen müssen, um sie zu finden. Es waren Schneeglöckchen und kaum erblühte Schlüsselblumen. Die wollte er seinem Liebling zum Gruße senden.
Sehnsüchtig sah der alte Herr zu den Fenstern empor. Wenn er doch hinauf dürfte ... Nur ein einziges Mal ... nur einmal noch im Leben das Lachen der kleinen Dora hören und ihr ins liebe Gesichtchen schauen ... in die guten, klugen Kinderaugen ...
Den alten Rat fröstelte es ... er stand schon lange hier ... sehr lange ... und niemand kam, um ihm die Blumen abzunehmen ... Ob er doch hinaufgehen sollte, um Einlaß bitten? Er hatte es schon öfters vergebens versucht.
Niemand wurde eingelassen. Nicht einmal der Rat Leonhard. Der Arzt hatte strenge Absperrungsmaßregeln angeordnet.
Jetzt fing es schon an zu dunkeln. Und noch immer kam niemand von den Altwirths zu dem alten Herrn herab. Das Dienstmädchen wußte ja, daß er kommen würde ... Warum ließ sie ihn warten? ...
Von den Bäumen des Gartens, an den die Straße grenzte, wo der Rat Leonhard stand, sang eine Amsel ... ein kurzes, einförmig trauriges Lied ... und dann verstummte sie plötzlich. Und wiederum tiefe Stille. Nichts regte sich in der einsamen Straße.
Immer wieder eilte der alte Herr vor dem Haus auf und ab ... Sie mußten doch kommen und ihm von dem Kinde erzählen ... Bald ... Sehr bald ... Es konnte nicht mehr lange dauern ...
Da ... ein langsam verhallender Glockenton ... Sie läuteten zum Avegruß drüben in dem großen Stift zu Wilten.
Dem alten Herrn klang es wie das Läuten einer Totenglocke ...