Tötlich erschrocken sah Felix seine Frau an.

„Fort willst du, Adele? Geh’ ... nicht!“ bat er herzlich. „Wir sollten jetzt nicht voneinander gehen. Wir sind doch gute Kameraden!“

Um Adelens Mund zuckte es wehe. „Sind wir das wirklich, Felix?“ frug sie bitter.

„Nein, Adele. Du hast ja recht. Ganz recht hast du. Aber geh’ trotzdem nicht von mir! Ich bitte dich darum!“ sagte Felix leidenschaftlich. „Mein guter Engel geht ... wenn du gehst!“

Adele saß in einem weichen Lehnstuhl ihres hübschen Wohnzimmers in derselben Haltung wie stets, wenn sie nachdenklich war. Leicht nach vorne gebeugt und mit dem Arm aufs Knie gestützt. Sie sah mit ernstem, forschendem Blick auf Felix, der mit geducktem Kopf wie ein schuldbewußter Knabe vor ihr stand.

Felix hatte noch immer etwas Weiches, Knabenhaftes an sich. Etwas in seinem Wesen, das die unselbständige Art seines Charakters verriet und das um eine feste, energische Hand förmlich zu bitten schien.

Oft schon hatte sich Adele gefragt, ob Felix wohl ein anderer geworden wäre, wenn er Sophie Rapp zur Gattin genommen hätte. Und immer hatte sie diese Frage bejahen müssen. Hatte sich sagen müssen, daß gerade Sophiens Temperament und Leidenschaft den richtigen Ausgleich für Felix bedeutet hätte.

Adele war einsichtsvoll genug und besaß auch jenen Grad der Selbsterkenntnis, um es sich zu gestehen, daß sie selber nicht ganz ohne Schuld war. Ihre ruhige, vornehme Art paßte eben nicht zu dem Künstler. Da paßte ein wildes, aufgeregtes Blut, ein Temperament, das zügellos sein konnte und sofort wieder gefügig, willig und zahm wie ein kleines Kind.

Das alles war Sophie. Ihr selber fehlte es vollständig. Das wußte sie. Und gerade diese Erkenntnis war es, die Adele so gerecht urteilen ließ. Sie wollte nicht hart gegen Felix sein. Wenn sie ihm wirklich noch etwas bedeutete im Leben, dann war sie froh.

Sie wollte ihn nicht strafen durch eine Härte, die ihr gar nicht eigen war. Und wenn er sie jetzt bat, daß sie bei ihm bleiben sollte, so war dieser Wunsch ehrlich und aufrichtig gemeint. Er entsprang vielleicht einem künstlerischen Sehnen nach Reinheit und mildem Verstehen ... und das wollte sie ihm erfüllen. Sie litt ja jetzt nicht mehr unter seiner Untreue. Dies Gefühl für ihn war gestorben ... tot ... wie ihr Kind.