Felix Altwirth hatte tiefstes Mitleid mit dem Schmerz seiner Frau. Er wußte, daß ihr Leben nun ganz zertreten war ... ein Leben, das so reich hätte sein können und so glücklich, wenn es nicht seine Bahn gekreuzt hätte ...

Warum paßten sie gar nicht zueinander ... er und Adele?

Felix dachte jetzt in den vielen Stunden einer grüblerischen Reue darüber nach. Sie hatten einander doch lieb gehabt, als sie sich heirateten, und waren zueinander gestanden, als die Not kam. Nein ... das war er nicht. Felix war gerecht genug, es jetzt einzusehen, daß Adele es war, die aufrecht blieb, zu ihm hielt und ausharrte. Er hatte sie gequält und mit Vorwürfen gepeinigt.

In der Not hatte er sie und ihr Kind als eine Last empfunden ... als eine schwere, eiserne Kette, die den Künstler niederzog und gewaltsam festhielt. Er hatte es gesehen, wie sie innerlich litt, und er liebte sie ... vielleicht gerade deshalb. Er wußte es nicht genau, warum. Er wußte es jetzt nur noch, daß er sie damals noch liebte, als er sie demütigte. Sie war ihm alles, bis Sophie in sein Leben trat.

Und jetzt, jetzt liebte er Adele nicht mehr. Dies Gefühl war klar und deutlich. Seine Liebe hatte aufgehört von jenem Augenblick, da die Frau in stolzer, vornehmer Würde ihren Gatten der Liebe eines andern Weibes überließ, ohne einen Vorwurf für ihn zu haben.

Ohne Bitterkeit und ohne Kampf hatte diese Übergabe stattgefunden. Es war sein Wille gewesen, die andere zu besitzen, und Adele hatte sich gefügt. Die Art, wie sie es tat, brachte es mit sich, daß das warme und ehrliche Gefühl, das Felix für sie stets empfunden hatte, langsam in eine Gleichgültigkeit gegen sie überging.

Felix liebte seine Frau nicht mehr. Auch jetzt nicht, nach dem großen, gemeinsamen Leid, das sie beide vielleicht hätte einander näher bringen sollen. Er hatte nur Mitleid für sie. Ein großes, namenloses Mitleid, das ihm so wehe tat, daß er hätte weinen mögen. Er fühlte sich so schuldig in ihren Augen ... schuldig daran, daß seine Frau nun wie eine lebendige Tote herumwandelte.

Bleich und aufrecht ging Adele ihren einsamen Weg. Sie hatte keine Tränen mehr ... Mit heißen, brennenden, todestraurigen Augen sah sie jetzt auf den Gatten. Felix hatte eine Scheu vor ihrem Blick. Er fürchtete sich davor. Er fürchtete mit fast abergläubischer Angst, daß sie nun von ihm gehen würde. Er wollte sie nicht von sich lassen ... er liebte sie nicht ... aber er hatte das Bedürfnis, daß sie bei ihm bleiben müsse.

Und einmal sprach Adele davon, daß sie fortzugehen wünsche. Jetzt konnte sie es ja tun. Nun war sie frei ... Das letzte Bindeglied zwischen ihr und dem Gatten lag droben in dem stillen Friedhof zu Wilten.

Adele sprach ihren Wunsch ruhig und klar aus, ohne Erregung und mit tonloser Stimme.