Da stellte sich Sophie resolut vor ihn hin. „Felix! Mensch! Schämst dich nit!“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Ist das ein Mann, frag’ ich! Es ist ja recht, wenn man um sein Kind trauert. Und ’s Dorele ... das war ein lieber Schneck. Da darf man schon trauern drum. Aber gleich das ganze Leben wegwerfen ... dazu, Felix, hast du kein Recht nit! Ein Künstler gehört nicht nur sich selber, sondern der ganzen Welt, hab’ ich oft von dir g’hört! Und jetzt raffst dich auf, sag’ ich ... und arbeitest und schaffst! Tag und Nacht, wenn’s sein muß! Aber arbeit’! Denk’! Auch deiner Frau zulieb mußt du’s tun!“

Sophie hatte sich neben ihn gesetzt und hatte sich innig an ihn geschmiegt. „Schau, Felix,“ fuhr sie dann mit weicher, überredender Stimme fort, „du hast mir oft erzählt, wie rührend Adele damals an deine Kunst geglaubt hat, als sie dich alle verachtet haben. Und diesen Glauben mußt du ihr jetzt lohnen. Daß ihr zwei, du und sie, nit zusammen paßt, da könnt’s ihr ja beide nix dafür. Das ist halt amal so. Da kann man nix machen! Und sie ist ja eine recht vernünftige Frau. Die versteht’s und kann’s entschuldigen. Aber das ist g’fehlt von dir ... daß du deswegen hergehst und Tag und Nacht a G’sicht schneidest wie zehn Tag’ Regenwetter und dich am liebsten aufhängen tätest vor Kummer ... Das ist blöd und hat kein’ Sinn und kein’ Zweck. Ihr zulieb raff’ dich auf! Sie soll wenigstens auf deine Kunst und auf deine Erfolge stolz sein. Das ist auch eine Freud’ für sie!“

So und ähnlich sprach Sophie Rapp, und sie hatte viel zu tun, ehe es ihr gelang, den Trübsinn von der Stirn des Geliebten zu scheuchen. Aber es gelang schließlich doch. Und Sophie schürte die neu erwachte Lebenslust des Malers, wo sie konnte. Sie spornte seine Phantasie an und erhielt ihn in atemloser Spannung wegen der Durchführung seines großen Planes.

Mit Feuereifer hatte sie sich jetzt der Sache angenommen. Es war schwer, den Patscheider zu gewinnen. Felix Altwirth kam es manches Mal fast unerreichbar vor. Er wußte es wohl, daß er damals, als er seine zornige Empörung nicht hatte bemeistern können, sich den Kaufmann zum Todfeinde gemacht hatte. Es hieß jetzt für Sophie, den einflußreichen Mann zu umschmeicheln und so einzufädeln, daß er ein Werkzeug wurde in ihrer Hand.

Felix Altwirth ahnte es nicht, daß Sophie ihre ganze weibliche List zu diesem Kampfe aufbot. Daß sie alle Künste der Koketterie spielen ließ, um sich den Patscheider gefügig zu machen. Sophie hatte es eingesehen, daß es nur durch dieses eine Mittel möglich sein würde, den Kaufmann für ihre Absichten zu gewinnen.

So spielte sie denn mit dem alternden Mann, wie sie so oft schon mit Männern gespielt hatte. Nur mit dem einen Unterschied, daß dieses Mal der Patscheider es war, der das Spiel bestimmte.

Johannes Patscheider bemerkte es mit einer Art grimmiger Freude, daß die Frau seines Gegners sich allmählich an ihn heranschlich. Er wußte, daß nur die Liebe zu Felix Altwirth sie ihm zutrieb, und er haßte den Maler ehrlich und vom Herzen. Er war nicht gesonnen, auch nur einen Finger zu rühren, um dem Altwirth bei der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne behilflich zu sein. Im Gegenteil tat er alles dawider, um die Ausführung zu verhindern.

So plante Sophie Rapp ein großes Wohltätigkeitsfest, dessen Ertrag für den Baufond der Tiroler Nationalgalerie bestimmt gewesen wäre. Doktor Rapp setzte sich dafür ein, und Patscheider vereitelte die Sache, legte Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg und hintertrieb die ganze Veranstaltung schließlich durch Intrigen. Endlich blieb Sophie nichts anderes übrig, als den direkten Weg zu dem Kaufmann anzubahnen.

Johannes Patscheider war im Anfang wenig liebenswürdig zu der Frau seines Rivalen. Da Sophie die mehr oder minder großen Bosheiten, die er ihr sagte, nicht zu verstehen schien, sondern ihren gewöhnlichen lustigen Ton gegen ihn anschlug, so änderte Patscheider seine Taktik insoweit, daß er wenigstens zum Schein auf ihre Vorschläge einging.

Er ließ sie erzählen und beriet sich mit ihr in unverbindlicher Weise. Dabei war er schlau genug, sich jedesmal, wenn sie ihn in einer Falle glaubte, mit Geschick aus der Schlinge zu ziehen. Das Spiel unterhielt ihn um so mehr, als der Reiz dieses Weibes nicht ganz ohne Wirkung auf ihn blieb.