Der Patscheider war keine verliebte Natur. In Weibergeschichten hatte er sich selten eingelassen. Seit er auf der Höhe seines Ansehens stand, schon gar nicht. Er wahrte den Eindruck des schlichten, ehrbaren Bürgers. Und wenn er einmal die Lust verspürte, auch außerhalb seiner Ehe ein kleines Erlebnis zu haben, so wußte er es so einzurichten, daß niemand in Innsbruck jemals eine Ahnung davon bekam.

Die Spannung, die in der stets wechselnden Haltung des Kaufmanns lag, blieb nicht ohne Einfluß auf Felix und Sophie. Von Tag zu Tag wuchsen die Aufregungen. Einen Tag wußte Sophie davon zu berichten, der Patscheider wolle selbst eine größere Summe Geldes stiften zur Gründung der Galerie, um dann den Tag darauf alles zu widerrufen. Diese stete Spannung schuf sowohl bei Felix wie bei Sophie eine fast leidenschaftliche Erregung.

Bei Felix steigerte sie sich dermaßen, daß er, je größer die Schwierigkeiten schienen, desto zäher auf der Erfüllung seines Wunsches bestand. Er hatte sich jetzt geradezu hinein verbissen in seinen Plan, und es schien ihm, als ob sein ganzes Wohl und Wehe von dieser einen Sache abhängen würde.

Sophie verdoppelte ihr Spiel mit dem Kaufmann, bezauberte und bestrickte ihn derart, daß der Rest von Leidenschaft, der in dem alternden Manne noch übrig geblieben war, zur Glut entfacht wurde.

Johannes Patscheider gewahrte es mit einem gewissen Zynismus, daß sein Begehren nach dem Besitz dieses Weibes ging. Wenn sie zu ihm kam, dann umlauerte sie sein Blick, frech, begehrlich und fordernd. Sophie fühlte es. Sie kannte die Blicke der Männer und verstand, in ihren Augen zu lesen. Sie wußte, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo sie ihr Spiel gewinnen mußte. Sie kannte jedoch den Einsatz, den er fordern würde. Davor aber schreckte das Weib in ihr zurück.

Sophie Rapp fühlte einen körperlichen Widerwillen gegen Johannes Patscheider. Wenn er sie mit begehrlichen, verliebten Blicken anschaute, so überlief es sie dabei eiskalt. Galant küßte er ihr jedesmal beim Abschied die Hand. Sophie Rapp war es, als hätten seine Lippen eine laue, schlutzige Wärme. Und ihr Ekel vor ihm war so groß, daß sie sich dann stets lange noch mit dem Taschentuch die Hand abrieb, die er geküßt hatte.

Am liebsten wäre sie nie mehr zu ihm gegangen. Sie hatte jetzt eine ausgesprochene Angst vor ihm bekommen und fürchtete sich von Tag zu Tag, daß er den letzten Preis von ihr fordern würde. Und immer wieder schob sie es hinaus, ließ sich von ihm mit leeren Versprechungen hinziehen, nur um diesem einen Schrecklichen zu entgehen.

Felix wurde ungeduldig und reizbar. „Ich sehe ja, Sophie, daß du mich nicht mehr liebst!“ sagte er übellaunig. „Dir fehlt das richtige Verständnis. Du begreifst nicht, daß so ein Zustand des Hangens und Bangens einem jede Lust zum Schaffen benimmt und benehmen muß. Denk’ doch nur, was alles davon abhängt! Ich werde berühmt sein ... unsterblich, Sophie! Unsterblich durch dich ... Auf immer wird mein Name mit jenem des Kunsttempels verbunden sein, und alles werd’ ich dir verdanken, alles! Du allein hast das zustande gebracht, du ...“

„Ach geh’, hör’ auf!“ sagte Sophie gereizt. „Wenn der Patscheider nit so ein grauslicher Kerl wär’! Mit dem kann man ja nix G’scheit’s reden. Alleweil schlüpft er einem durch die Finger durch, wenn man glaubt, man hat ihn.“

„Du darfst ihn dir nicht entschlüpfen lassen, Sophie! Deine Liebe zu mir muß dir die rechten Worte geben!“ sagte Felix drängend. „Geh’ ... sprich mit ihm ... bitt’ ihn! Ich will ja auch zu ihm gehen und mich entschuldigen ...“