„Was dir nit einfallt!“ rief Sophie entsetzt. „Du und zum Patscheider gehen! Daß du mir alles verdirbst! Du darfst nit mit ihm zusammenkommen! Sonst ist alles vorbei!“
Sophie sah sich nun in ihre eigenen Netze so verstrickt, daß ein Entkommen daraus mit heiler Haut unmöglich war. Sie sah, daß sie jetzt um jeden Preis ihren Zweck bei dem Patscheider erreichen mußte. Denn sie fühlte es deutlich, daß Felix’ Liebe zu ihr im Erkalten war. Diese Überzeugung aber erfüllte sie mit nur um so größerer Leidenschaft für ihn.
Felix Altwirth bedeutete für Sophie alles. Er hatte ihr heißes Blut gezähmt, hatte sie ruhiger und vernünftiger gemacht. Das Bewußtsein, diesem Manne mehr zu bedeuten als ein bloßes Werkzeug seiner Lust, gab ihr den innerlichen sittlichen Halt zurück, den sie verloren hatte. Seit Doktor Storf damals seine Beziehungen zu ihr abgebrochen hatte, war keinem andern Manne je wieder ihre Gunst zuteil geworden außer dem Felix Altwirth.
Der Verlust des Doktor Storf traf sie kaum. Er war ihr im Gegenteil recht. Nun konnte sie ganz ihrem Felix leben und ihre volle Glut und Leidenschaft nur diesem einen geliebten Manne zuwenden. Und immer rasender liebte sie den Maler. Es schien, als habe sie jetzt erst kennen gelernt, was wahre Liebe sei.
Ein tötliches Erschrecken war es für die Frau, als sie erkannte, daß Felix nicht mehr so heiß für sie fühlte wie vordem. Es kam über sie wie ein Erkennen ... Sie durfte ihn nicht verlieren ... jetzt nicht ... um keinen Preis!
Wie ein Abgrund ... öde und leer und schauderhaft gähnte ihr das Leben ohne diese Liebe entgegen. Ohne Felix ... Es würde wieder so werden wie zuvor. Von Genuß zu Genuß würde sie rasen und alles gierig nehmen, was sich ihr bot. Von Mann zu Mann würde sie jagen, und keiner würde darunter sein, der das Weib in ihr zu ehren verstand.
Das tat Felix Altwirth. Und weil er es tat, deshalb besaß er die Liebe dieses Weibes im vollsten Maße, ganz und gar. Er entehrte sie nicht ... er war ihr dankbar für das, was sie ihm gab. Und auf die höchste Stufe der reinen Frau stellte er das Weib, das andere nur nach ihrer Sinnengier gewertet hatten.
Sophie Rapp wurde durch diese Liebe eine andere und eine bessere. Sie war reiner geworden in ihrem Denken und edler in ihren Empfindungen.
Vielleicht wäre ihr das mit dem Patscheider in früheren Jahren nicht so ungeheuerlich erschienen wie heute. Vielleicht hätte sie es mitgenommen als eine unerfreuliche Episode ihres Lebens, als etwas ... an das sie lieber nicht mehr denken wollte.
Heute fühlte sie anders. Sie empfand frauenhaft und rein. Sie empfand rein, weil die große Liebe zu einem Mann sie geläutert hatte und sie dazu befähigte.