Sophie Rapp lernte erst jetzt die Seelenkämpfe kennen, die einem inneren Zwiespalt entspringen. Bis jetzt hatte sie ihr Leben mit Leichtigkeit bestimmt und geleitet. Ohne Kampf war das alles gegangen. Was sie wollte, hatte sie stets erreicht. Wie auf leichten, blumigen Wegen war sie dahingeglitten, heiter und froh und lebenslustig. Bis er kam ... der den Durst zu stillen verstand und ihr ganzes Sein für sich in Anspruch nahm.
Jetzt aber litt Sophie um ihrer Liebe willen heiße Seelenkämpfe. Und es gab manchen Morgen, der sie noch mit offenen Augen im Bett liegen fand. Eine nervöse Überreiztheit war die natürliche Folge dieses Zustandes. Sie sah jetzt öfters übernächtig aus, gequält und eingefallen. Auch ihr heiteres Temperament litt unter diesen Qualen.
Ihrem Gatten entging es nicht, daß sie jetzt oft wegen geringfügiger Ursachen aufbrauste, daß sie übellaunig war und häufig mit ernstem, finsterem Gesicht vor sich hinzustarren pflegte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte.
Diese Veränderung verfehlte nicht die Rückwirkung auf Doktor Rapp. Sein Mißtrauen erwachte und steigerte sich von Tag zu Tag. Zum ersten Male seit seiner Ehe beobachtete er Sophie mit einer Art inneren Unbehagens und legte ihren Worten, die sie ihm harmlos sagte, eine ganz andere Bedeutung zugrunde.
Doktor Rapp war jetzt ernstlich beunruhigt. Er verfolgte seine Frau heimlich auf ihren Gängen und belauerte sie. Sophie, die mit rascher Klugheit dieses sich steigernde Mißtrauen bei dem Gatten bemerkt hatte, gab sich alle Mühe, ihm eine Rolle vorzuspielen, um das zu scheinen, was sie nicht mehr war ... ein zufriedenes, glückliches Weib. Aber das Mißtrauen hatte sich nun einmal festgesetzt bei Valentin Rapp und wollte nicht mehr aus seiner Seele weichen.
Es war eine harte Zeit für Sophie gekommen. Oft war ihr so schwer zumute, daß sie ihre ganze Kraft aufbieten mußte, um die große Gefahr, die sie von allen Seiten umgab, zu überwinden ...
Und in einem Anfalle innerer Verzweiflung ging Sophie Rapp zu Johannes Patscheider. Ging mit bebendem Herzen und doch mutig und unerschrocken und beschwor dasjenige herauf, vor dem sie in qualvollen Stunden zurückgeschreckt war.
Sie trieb den Mann zu einer Entscheidung. Jetzt mußte er sich erklären, mußte sich entschließen. Und dann ... wenn dieses Letzte, Schwerste überwunden war, dann würde sie wieder ihre Ruhe und ihren Frieden finden können. Das wußte sie.
Nun stand Sophie in dem großen, kostbar ausgestatteten Zimmer des Kaufmanns. Es war derselbe Raum, in dem Felix Altwirth als ein Bittender vor diesem Manne gestanden hatte, wo er ihn voll Empörung einen Hund geheißen hatte. Diesen Schimpf verzieh ihm der Patscheider niemals im Leben.
Und jetzt forderte Sophie in klaren, energischen Worten, daß er sich für diesen selben Mann, der ihn mit seiner Beleidigung so tief getroffen hatte, einsetzen solle. Daß er die Sache dieses ihm verhaßten Menschen zu seiner eigenen machen solle. Daß er mit dem Namen dieses Mannes seinen eigenen verknüpfen solle für alle Zeiten in der Geschichte der Stadt.