Der Tag erwachte ... schon dämmerte das erste Grau im Osten.
Da nahm Sophie Rapp ihre ganze Kraft zusammen. Es mußte sein. Fest zog sie das Tuch um sich ... ganz fest ... und dann eilte sie ... so schnell ihre zitternden Füße sie zu tragen vermochten, hinein in die Stadt.
Todbleich im Gesicht und mit einer Stimme, die heiser und hohl klang, sagte Frau Sophie Rapp in dem nüchternen, kleinen Amtszimmer der Polizei, daß sie in der heutigen Nacht während eines Streites ihren Gatten ermordet habe.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Doktor Rapp war tot ...
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die Stadt. Gruppen von Menschen standen in den Straßen beisammen und besprachen aufgeregt den Fall. Doktor Rapp ermordet ... von seiner eigenen Frau.
Es gab viele, welche die ungeheuerliche Tat nicht glauben wollten. Denen man es immer und immer wieder versichern mußte, daß sich Frau Sophie Rapp wirklich selber der Polizei gestellt habe und daß ein Irrtum ausgeschlossen sei.
Eine solche Tat hätte man der Frau des Rechtsanwaltes niemals zugetraut. Wenn sie auch leichtsinnig war, für bösartig hatte sie kein Mensch in Innsbruck je gehalten.
Sogar der Richter hatte einen Augenblick Zweifel, als er die Frau zum erstenmal verhörte. Er sah sie fest und durchdringend an und zweifelte an ihrer Zurechnungsfähigkeit. Aber nur für einen Augenblick. Denn dann überzeugten ihn die klaren Antworten und das ruhige Benehmen der Frau, daß ein Zweifel ausgeschlossen sei. Sophie blieb dabei stehen, daß sie in einem Anfall von Wut und Zorn ihrem Gatten unversehens den Dolchstoß versetzt habe.