So ist es nun schon seit Tagen. Endlos traurige Tage sind es. Wie ausgestorben liegt die kleine Stadt da. Nur ab und zu wagen sich ein paar lose Buben ins Freie und versuchen ihr Spiel im Schmutz und in den Pfützen, die sich überall angesammelt haben. Öfters steuert auch ein einsamer Bürger im gemächlichen Schritt, wohl beschirmt und vermummt gegen Wind und Wetter der Innbrücke zu und sieht mißtrauisch auf das unruhige Wasser.

Ein dumpfer Geruch von mitgeführten Erdmassen steigt aus den braunen Fluten des Flusses. Lange wird’s nicht mehr dauern, und Rattenberg kann in ein Klein-Venedig verwandelt werden, wie das bei Überschwemmungen des Inn schon häufig der Fall war.

Völlig eingezwängt zwischen dem steil ansteigenden Schloßberg mit seiner verfallenen Ruine und dem breiten Flußbett des Inns ist das altertümliche Rattenberg. Zu dem breiten Hauptplatz streben die engen Gassen mit ihren hohen Häusern, die an der Bergseite vielfach ganz knapp an dem Felsen des Schloßberges liegen, auf der Wasserseite nur durch einen Weg vom Inn getrennt sind.

Alte gewölbte Hausflure und enge krachende Stiegen finden sich in diesen Häusern, die auf Jahrhunderte zurückschauen und noch lebhafte Zeiten gesehen haben, da Rattenberg eine mittelalterliche Handelsstadt war, wo die Warenfrachten nach dem Süden durchgingen und vom Süden herauf. Auf diese Zeit schreiben sich auch noch die vielen Wirtshäuser des alten Städtchens zurück, die heute ein beschauliches Dasein zwischen den Bürgerhäusern führen.

Die Sonne scheint spärlich in die kühlen Gassen von Rattenberg, das im Schatten des felsigen Schloßberges liegt. Im Winter verschluckt der Berg für geraume Zeit ganz und gar das Sonnenlicht und verwehrt ihm den Zutritt in die alte Stadt.

Dumpf und feucht riecht es in den Häusern. Das Grundwasser des Inns steigt in die Keller und von dort in die Mauern. Auf der Bergseite nehmen sich die engen Höfe der Häuser, die sich zwischen die Rückenmauern und den Felsen des Schloßberges drängen, manchmal fast aus wie düstere Felsenschlünde.

Alte, längst vergangene Zeit träumt in diesen Mauern, Gewölben und Stuben. Sie liegt auf den Dächern und Zinnen, spinnt ihre Erinnerungen um die ausladenden Erker der Häuser, hockt unter den Toren und schleicht über Stiegen und Gänge.

Lang erstreckt sich am Inn das stattliche Kloster der Serviten, und die Kuppeltürme der Klosterkirche bilden ein weithin sichtbares Wahrzeichen von Rattenberg. Auf einem Felsen erhöht thront die Pfarrkirche mit uralten Gräbern in ihrem Schutz.

Drüben aber am andern Ufer des Inn breitet sich das Tal aus, freundlich und sonnenhell. Weit verstreut erstrecken sich die Häuser von Kramsach durch Wiesen und Obstanger. Stattliche Höfe und wiederum kleine Bauernhäuser mit ihrem traulichen Holzbau auf dem weißen Mauergrund des Erdgeschosses.

Über Hügel sacht ansteigender Wald führt zu den drei Reinthalerseen ... träumerischen Augen der Bergwelt im Schweigen der Waldeinsamkeit.