Felsige Anstiege recken sich zum mächtigen Sonnwendjoch. Zu seinen Füßen breitet sich dichter Nadelwald mit dem Einschnitt des Brandenberger Tales. Wo sich dieses Bergtal öffnet und das schmale steinige Bauernstraßel in die Höhe führt, da liegt wie ein stiller Gruß romantischer Weltabgeschiedenheit das alte Frauenklösterlein Mariathal mit seiner stattlichen Kirche und den paar Häusern der kleinen Gemeinde.

Wald und Berg, Wiesengrund und fruchtbares Ackerland. Ein liebes lachendes Land das Unterinntal, in dessen Mitte als ein altes, unberührtes Juwel das schattige Nest Rattenberg gebettet ist. Ein verblichenes Schmuckstück in längst verschollener Fassung ... auf dem grünen Samtgrund des breiten Tales ... selbst grau, dämmernd, verwittert ...

Und drunten, weiter drunten im Unterland, da schließt das herrliche Panorama des Kaisergebirges die Talsicht ...

Vom Turm der Rattenberger Pfarrkirche tönt jede Viertelstunde der dumpfe Schlag der Glocke. Und manchmal hört man gedämpft das Rollen der Eisenbahn, die außerhalb der Stadt, knapp an der erhöht stehenden Kirche vorbei in einem Tunnel den Schloßberg durchquert.

Die Zeit der Maschinen und des Weltverkehrs stampft, saust und rattert durch den Leib des Berges, auf dem die alte Schloßruine träumt. Von vergangenen Jahrhunderten träumt, als da droben Wilhelm Biener, der Kanzler von Tirol, ein Opfer welscher Tücke und welscher Ränke, sein blutiges Ende fand. Ein edles Haupt fiel durch das Beil des Henkers, wo heute karge, rissige, von Wind und Wetter zerklüftete Mauertrümmer in den Himmel ragen.

Nach den endlos grauen Regentagen war heute zur Mittagsstunde Leben in die stille Stadt gekommen. Ein Wagen fahrender Leute, von einem Pferd gezogen und geführt von einem großen, finster dreinschauenden Mann, war langsam durch die Hauptstraße gefahren und zum Stadttor hinaus gewandert. Mit Peitschenknallen und Hüh und Hott hatte der Mann sich bemerkbar gemacht. Neugierig schauten die Leute zu Türen und Fenstern heraus, und die Gassenbuben liefen ihm nach und begleiteten ihn mit Gejohl trotz des Regengusses bis vor das Stadttor hinaus.

Dort lagerten nun die fahrenden Leute. Die Straßenjugend von Rattenberg wich nicht von ihnen. Eine solche Begebenheit war selten und mußte ausgekostet werden. Da spürten die Buben keine Nässe und auch keinen Hunger. Nur ab und zu lief so ein kleiner Bengel als Berichterstatter hinein ins Städtchen und erzählte atemlos von dem Tun und Treiben der Karrner.

Aber auch für die Erwachsenen, für die ehrsamen Bewohner und Bürger der kleinen Stadt bildete das Eintreffen der fahrenden Leute ein Ereignis, nur daß sie die naive Freude über die erwünschte Abwechslung nicht so unverhohlen zum Ausdruck brachten, wie die liebe Jugend dies tat. Man war jedoch froh, freute sich innig und kindlich über die Sensation des Tages und hoffte nur sehnlich, daß der Himmel ein Einsehen haben und daß der Regen bis zum Abend aufhören möchte.

Der Himmel hatte kein Einsehen. Es regnete und regnete in einem fort, und der Inn draußen vor der Stadt stieg zu einer immer bedenklicheren Höhe an.

Trotz der Unbill des Wetters durchzogen die fahrenden Leute in später Nachmittagstunde mit lautem Trommelgewirbel die Stadt. Voran der große, finstere Mann, ein Hüne von Gestalt, hellblond, mit gelblich braunem Gesicht und harten, stahlblauen Augen. Tiefe Furchen waren in dem wetterfesten, knochigen Antlitz eingegraben. Ein dichter, rötlich blonder Schnurrbart fiel über die dicken aufgeworfenen Lippen. Ein dunkler, abgetragener Filzhut saß ihm tief in der Stirne, und sein langer Wettermantel verlieh ihm ein noch unheimlicheres Aussehen.