Bei diesem Gedanken überkam den Apotheker ein Gefühl, als spürte er die kleinen, nervösen Trittchen einer Maus über seinen Rücken huschen. Es war entschieden eine höchst ungewöhnliche Situation. Ganz entschieden! Und es war eine Roheit von dem Doktor Storf, ihm mit so was bei der Nacht zu kommen. Ein ganz gemeiner Überfall war es, der ihn eigentlich erzürnen sollte.

Aber Herr Tiefenbrunner erzürnte sich nicht. Schon aus Prinzip nicht. Er beschwichtigte immer und in jeder Lebenslage. So beschwichtigte er sich jetzt auch selber. Eine Zumutung blieb es aber deswegen doch.

Der kleine Apotheker hatte endlich einen Ausweg aus seiner unangenehmen Lage entdeckt. „Ja,“ sagte er sehr langsam, als müßten sich seine Gedanken erst allmählich aus dem tiefen Labyrinth der innersten Seelenforschung erholen. „Ja, ein Künstler, sagen’s, möcht’ der Felix werden?“

„Jawohl!“ bestätigte Max Storf. „Ein Maler. Und dazu braucht er Mittel, Herr Tiefenbrunner. Er muß die Akademie besuchen, muß ...“

„Wissen’s was, Herr Doktor ...“ versetzte der Apotheker, und sein Gesicht glättete sich deutlich vor Freude über den gefundenen Ausweg. Er legte den Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nasenspitze und sah furchtbar klug aus. „Wissen’s was, i red’ mit meiner Frau darüber.“

Herr Tiefenbrunner war nie ein großer Redner gewesen und mußte sich stets jeden Satz gewaltsam von der Zunge ringen. Seine Sprache klang leise und etwas heiser, als ob er an ständigem Rachenkatarrh leiden würde.

„Der Felix ist ja meiner Frau ihr Neffe ...“ fuhr er langsam und bedächtig fort. „Da soll sie entscheiden, was das Gescheiteste in dem Fall ist. Wissen’s, die Frauen sind in solchen Fällen immer die Gescheitern!“ fügte er mit leisem Kichern hinzu. „So machen wir’s, Herr Doktor, gelten’s?“

Ehe es sich der junge Arzt versah, hatte ihm der Herr Apotheker Tiefenbrunner die Hand gedrückt und war um die Ecke gebogen, die zum Marktgraben führte. „Kommen’s gut nach Haus!“ rief er ihm noch rasch nach. „I bieg’ jetzt da heim ummi. Gute Nacht, Herr Doktor! Schlafen’s g’sund!“

Etwas verblüfft schaute Max Storf dem Apotheker nach. Dieser Ausgang der Unterredung war gar nicht nach seinem Geschmack. Wenn die Frau Apotheker zu entscheiden hatte, dann war die Sache allerdings verloren. Das wußte er bestimmt. Aber ein gerissener Schlaumeier war der Apotheker. Das mußte man ihm lassen. Der geborene Diplomat. Kein Wunder, daß es der verstand, sich so unentbehrlich zu machen ...

Frau Therese Tiefenbrunner fällte ihr Urteil, und das lautete, daß ein Maler niemals nicht das Ansehen habe von einem Beamten, und daß das nicht ginge, daß man von den Prüfungen davon laufe, und daß der Felix seine Staatsprüfung zu machen habe, und daß nachher noch immer Zeit genug sei, den Fall zu besprechen.