Einmal nach einem Abend, als sie beide beim Weißen Hahn gewesen waren, begleitete der junge Arzt den Apotheker nach Hause und redete mit ihm über den Freund.
Herr Tiefenbrunner tat sehr erschrocken. „Ja, aber um Gotteswillen, er hat ja alles, was er braucht. Es geht ihm doch nix ab!“ sagte er und sah ganz verstört zu dem jungen Manne auf.
„Das ist’s ja auch gar nicht, Herr Tiefenbrunner!“ entgegnete Doktor Storf. „Sie lassen ihm nichts abgehen. Das ist richtig. Aber Felix eignet sich nun einmal nicht zum Beamten. Er ist ein Künstler und sollte die Mittel bekommen, um sich als solcher auszubilden.“
„Sie meinen, ein Maler werden?“ fragte der kleine Apotheker und starrte mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin.
Die beiden waren gerade durch die breite Herzog Friedrich-Straße gegangen und blieben an der Ecke der Maria Theresia-Straße stehen. Der helle Schein einer Straßenlampe fiel auf das kleine, fahle Gesicht des Apothekers und beleuchtete scharf die tiefen Denkerfurchen auf seiner niedern Stirn.
Der Apotheker Tiefenbrunner mußte tatsächlich nachdenken. Angestrengt nachdenken. Was ihm da Doktor Storf sagte, war keine Kleinigkeit, war eine ernste Sache. Da ließen sie nun, er und seine Frau, diesen Buben, den Felix, studieren aus gutem Herzen, aus reiner Gutmütigkeit, damit er einmal sein anständiges Auskommen habe und geachtet dastehe auf der Welt. Und mehr geachtet denn als Beamter konnte man im Leben doch unmöglich sein.
Der Apotheker wurde ganz zapplig, als er seinen angestrengten Gedankengang so weit verfolgt hatte. So zapplig, daß sich sein Gesicht nach allen Seiten verzog. Dabei erbebte seine Nase vor innerer Erregung so sehr, daß der Zwicker, der ohnedies nur wackelig darauf saß, in ernstliche Gefahr geriet, herabzugleiten.
Ganz ängstlich und hilflos sah der Apotheker Tiefenbrunner über die Gläser hinweg zu Max Storf empor, und mit zitterigen Händen rückte er sich immer und immer wieder seinen Zwicker zurecht. Aber er wollte nicht passen. Er wollte überhaupt nicht passen, wenn Herr Tiefenbrunner eine Erschütterung seines Seelenzustandes erlitt.
Und eine Erschütterung war das unbedingt. Eine starke Erschütterung sogar. Jetzt um Mitternacht. Der Apotheker machte ganz vorwurfsvolle Augen. So eine Roheit ... das hätte er dem Max Storf gar nicht zugetraut. Ihn derart aus seiner behaglichen Ruhe zu stören! Und das noch dazu allein ohne seine Frau! Und hier, ausgerechnet hier, an der Ecke der Maria Theresia-Straße, sollte er sich entschließen in einer so wichtigen Angelegenheit. Wenn doch seine Frau in der Nähe gewesen wäre!
Ein Maler wollte der Felix werden. Schau, schau! Eigentlich ein interessanter Fall. Der Felix und ein Künstler. Was da nur seine Frau sagen würde?