Und trotz allem mußte Sophie erkennen, daß ihr der arme Schlucker, der Felix Altwirth, noch am allerbesten gefiel. Felix verehrte die Sophie mit stiller Bescheidenheit als ein hohes, für ihn nie erreichbares Ideal. Und gerade diese ehrliche, stumme Verehrung rührte das Mädchen. Es war gerade dasjenige, was ihrem wunden Empfinden am wohlsten tat, was ihr den innerlichen Ausgleich verlieh und ihr den Stolz ihrer gekränkten Frauenehre wieder zurückgab.
Mehr, als ihr lieb war, beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem jungen Mann. Sophie Zöttl war ein klarer Geist. Mit ruhiger Überlegung formte sie sich ihre Gefühle zurecht, belog sich nicht, sondern gab sich klare Rechenschaft über ihr Empfinden. Und so erkannte sie gar bald, daß jener Mann, der ihre Liebe achtlos genossen hatte, ihr heißes, leidenschaftliches Blut in Erregung gebracht hatte. Und sie erkannte auch, daß ihre Neigung für Felix Altwirth nicht rein war, sondern Leidenschaft und heißes Begehren in sich barg.
Felix Altwirth hatte keine Ahnung, was in dem Herzen des jungen Mädchens vorging. Hätte er es gewußt, so hätte diese Liebe vielleicht seinem ganzen Leben eine andere Richtung gegeben. Sie hätte in seinem Dasein jene Mission erfüllt, die echte, warme Frauenliebe zu erfüllen imstande ist.
Dem schüchternen, unentschlossenen jungen Mann, der auf dem schönsten Weg war, sich zu verbummeln, hätte das Bewußtsein der Liebe eines Weibes starken Halt, Zuversicht und kühnen Schaffensdrang verliehen.
Je mehr Felix Altwirth seinen künstlerischen Neigungen nachhing, desto weniger beschäftigte er sich mit seinem Studium. Seit zwei Jahren schon hätte er seine Prüfung als Jurist ablegen sollen, und zwei volle Jahre drückte er daran herum. Er fand nicht den Mut dazu. Alle Lust und Freude für den Beamtenberuf war ihm abhanden gekommen. Sein Innerstes sträubte sich mit Macht gegen jeden Zwang. Nach dem freien Leben des Künstlers sehnte er sich. Sehnte sich, einer von den ganz Großen zu werden, die da Leuchten der Menschen sind.
Mit Widerwillen betrachtete er seine Studienbücher. Wie ein Sklave kam er sich vor. Wie einer, der keinen freien Entschluß fassen durfte ... der verurteilt war, um des lieben Brotes willen ein Leben zu führen, das für ihn nur unsagbare Qual barg.
Seine Mutter und Max Storf sahen wohl die Veränderung, die mit Felix vorgegangen war. Max Storf erkannte die Ursache, aber die Witwe Altwirth konnte nicht das richtige Verständnis für den Seelenzustand ihres Sohnes finden.
Für sie war es ein Schmerz, eine persönliche Demütigung ihrer Schwester gegenüber, daß Felix seine Prüfungen nicht machte. Sie schämte sich vor ihrer Schwester und vor ihrem Schwager. Und in ihrem Zorn tat sie dasjenige, was sie hätte unterlassen müssen ... sie überhäufte Felix mit Vorwürfen. Sie trieb ihn zu seinen Büchern, wie man faule Schuljungen treibt, und machte ihm so das Leben zur Hölle.
Frau Susanne Altwirth mangelte jedes Verstehen für die künstlerischen Neigungen des Sohnes, und von Künstlerfreiheit und Künstlerdrang hatte sie keine Ahnung. Für sie war es der höchste Inhalt eines menschlichen Daseins, wenn man sein sicheres Brot hatte und dabei ungetrübt und ohne Nahrungssorgen leben konnte.
Max Storf allerdings verstand und begriff alles. Er war es auch, der einmal mit dem Apotheker über die Sache sprach.