In all der Zeit hatte sich Sophie rein gehalten. Rein mit einer einzigen Ausnahme. Das war noch nicht lange her. Sophie litt noch immer innerlich an diesem Erlebnis. Eine kurze, heiße Liebe war es gewesen. Das alte Lied von der enttäuschten Liebe im Leben des Weibes. Die alte Tragödie der verschiedenen Auffassung der Liebe beim rasch genießenden Mann und beim tiefer fühlenden Weib. Sophie erschien es als der Inhalt ihres ganzen Lebens. Für den Mann war es eine vorübergehende Episode.
Mit leichtem Herzen hatte der junge Beamte Abschied von der Liebsten genommen. Dann war er fortgegangen, weit fort, und ließ Sophie mit der bitteren Erkenntnis zurück, daß sie ihm nichts bedeutet hatte, nichts anderes war, als eine kleine, hübsche Tändelei.
Sophie Zöttl hatte damals in wildem Schmerz ihre Zähne zusammengebissen, war leichenblaß geworden und mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um nicht laut aufzuschreien. Aber sie hielt an sich, und das Blut rann ihr aus den vollen, roten Lippen unter dem krampfhaften Biß ihrer Zähne. Kein Wort des Vorwurfs sagte sie dem Mann, und kein Wort, das ihn ihre Gefühle hätte erraten lassen. Als sie aber allein war, heulte sie wie ein todwundes Tier.
Diese demütigende Erfahrung, die den ersten großen Schmerz in ihrem Leben bedeutete, wirkte bestimmend auf ihr ferneres Empfinden. Sophie wußte nun, daß ihr das gleiche Schicksal blühen würde wie ihrer Mutter und dem blonden Roserl der Ennemoserin, wenn sie nicht auf ihrer Hut war und sich nicht auf’s äußerste beherrschte.
Sie lernte es, die Männer zu betrachten, als wären sie eine wilde Meute, die nur den richtigen Augenblick abwartete, um sich auf sie zu stürzen. Es war ein herber Stolz in dem Mädchen. Der gesunde Stolz des reinen, wissenden Mädchens, das liebend und vertrauend der brutalen Gier der männlichen Selbstsucht zum Opfer gefallen war.
Von da ab wurde Sophie berechnend. Sie rechnete mit ihren Jahren, und sie rechnete mit ihrer Schönheit. Mit klarem, erkennendem Blick sagte sie sich, daß sie haushalten müsse mit beidem, daß sie sich nicht vergeuden dürfe, sondern ihr Glück beizeiten suchen müsse.
Und Sophie Zöttl wählte unter ihren Verehrern. Sie hatte deren viele. Auch Felix Altwirth und Doktor Max Storf befanden sich darunter, und beide gefielen dem Mädel. Alle beide. Nur hatten sie nicht die Mittel, ihr jene Lebensstellung zu bieten, die ihr wünschenswert erschien für das, was sie Glück nannte.
Schon gar der arme Schlucker von einem Studenten, der Felix Altwirth. Was der sich eigentlich einbildete. Daß sie auf ihn herwartete? Ihr junges Leben aufs Spiel setzen sollte, um dann von ihm im Stich gelassen zu werden? Um weggeworfen zu werden, wie man sie schon einmal weggeworfen hatte!
Nein, und tausendmal nein! Sie wollte nur ein solides, aussichtsreiches Verhältnis haben. Ein Verhältnis, das zur Grundlage einer gesicherten Existenz führen würde.
Auch Doktor Max Storf vermochte ihr das nicht zu bieten. Mein Gott, ein junger Arzt ohne Vermögen. Sophie Zöttl verspürte wenig Lust, diesen rauhen Pfad einzuschlagen.