„Künstler!“ Felix Altwirth wiederholte es mit Bitterkeit. „Künstler, um elend zu verkommen! Du weißt doch, daß ich Beamter werden muß. Anders tut’s die Tante nicht.“ Und dann zerknüllte er in ohnmächtiger Wut die Zeichnung, die er gerade vollendet hatte.

Das war in dem großen Garten gewesen, als Max Storf neben Felix saß und dem Freunde, wie so oft schon, bei der Arbeit zusah. Max Storf war ein hochgewachsener junger Mann. Schlank und braun und äußerst lebhaft in seinen Bewegungen. Seit einem Jahr war er Assistenzarzt im Innsbrucker allgemeinen Krankenhaus. Hatte also sein Lebensschifflein schon in sichere Bahnen gelenkt.

Felix Altwirth war zart gebaut, hatte hellblondes, volles Haar und die leuchtende weiße und rote Gesichtsfarbe eines jungen Mädchens. Beinahe um Kopfeslänge überragte der junge Arzt seinen Freund. Es war eine seltene, treue und aufrichtige Freundschaft, welche die beiden jungen Männer schon seit Jahren verbunden hatte.

Felix Altwirth und Doktor Max Storf gehörten auch zu den Stammgästen beim Weißen Hahn. Aber sie saßen am andern Ende des Herrenstübels, an dem Tisch der jungen Leute, wo es viel lauter und ungezwungener zuging als bei dem Honoratiorentisch, an dem die Wirtin ihren Platz hatte.

Am andern Ende des Stübels waren die älteren Semester der Studenten heimisch und einige junge Ärzte und neugebackene Juristen, die noch nicht allzulange in Amt und Würden saßen. Auch das Nebenzimmer des Herrenstübels war von jungen Leuten noch dicht bevölkert.

Die Sophie hatte alle Hände voll zu tun, um sämtlichen Wünschen schleunigst gerecht zu werden. Die jungen Herren scherzten gerne mit ihr, und Sophie hatte es bald los, alle Register weiblicher Koketterie spielen zu lassen. Keck und munter gab sie Antwort, lachte und scherzte mit einem jeden. Aber da war keiner, der ihr zu nahe treten durfte.

Eines hatte sie von der Karrnerin, ihrer Mutter, gelernt. Ihr heißes, junges Blut wollte sie im Zaum halten, wollte besser mit ihrem Glück umgehen, als es jene getan hatte. Auch die schöne Tochter der Ennemoserin war ihr ein warnendes Beispiel und bestärkte sie in dem Vorsatz, sich ihre Mädchenehre zu bewahren.

Die herbe Zurückhaltung der hübschen jungen Kellnerin bildete ihre größte Anziehungskraft. Das reizte die jungen Herren und gefiel den älteren Stammgästen beim Weißen Hahn.

Sophie hatte es bald verstanden, sich zum Mittelpunkt des Lokals zu machen. Wie eine Fürstin herrschte sie unter ihren Herren ...

Einige Jahre waren vergangen, seit Sophie beim Weißen Hahn ihre Stellung gefunden hatte. Seitdem war sie mit allem so verwachsen, daß man sich das Stammlokal ohne die Sophie nicht mehr denken konnte.