Viele Leute wohnten in dem Haus. Leute, die wenig Geld und zahlreiche Kinder besaßen. Die Wohnungen der einzelnen Parteien waren nicht abgesondert. Wie eine einzige große Familie lebten sie alle zusammen. Sie wußten alles voneinander, jede Kleinigkeit, jede Freude und jedes Leid. Hielten zusammen wie Kitt und Pech, um sich bei nächster Gelegenheit wegen einer geringfügigen Sache in den Haaren zu liegen.
Es war kein ruhiges Haus. Schon in den ersten Morgenstunden ertönte das Geschrei der Kinder, vereint mit den keifenden Stimmen der Mütter. Die Väter waren noch die ruhigsten in diesem großen Familienhaus. Die gingen schon zeitig zu ihrer Arbeit und hielten sich den größten Teil des Tages nicht daheim auf. Nur in den Abendstunden, wenn sie über den Durst getrunken hatten, machte sich ihre Anwesenheit bemerkbar.
Es roch stets nach Schmalz und üblem Fett in dem grauen Haus und nach schlechtem Tabak und ungelüfteten Räumen. Es gab auch wenig Luft dadrinnen. Der hohe Bau des in der engen Gasse unmittelbar gegenüber emporragenden Nachbarhauses nahm Luft und Sonne weg.
Die Witwe Altwirth hatte es zustande gebracht, sich in diesem völkerreichen Haus eine kleine Einsiedelei zu gründen. Eine niedere Tür im ersten Stock, nahe bei der steilen, knarrenden Holztreppe, führte in den Vorraum der Wohnung, der gleichzeitig die Küche war.
Ganz klein und schmal war der Raum. Ein eiserner Herd, ein Stuhl mit einer Gießkanne, in der Frau Altwirth das Wasser vom Gassenbrunnen zu holen pflegte, ein Tisch und ein kleiner Küchenschrank bildeten die Einrichtung und füllten den Raum so vollständig aus, daß zwei Personen nebeneinander kaum mehr Platz hatten. Das niedere Fenster war mit einem roten Vorhang verhängt und ließ das dämmerige Tageslicht vom Stiegenhaus nur spärlich eindringen.
Es war stets dunkel in der kleinen Küche der Witwe Altwirth. Dafür war es aber in dem daranstoßenden Zimmer um so heller und freundlicher. Dieses hatte die Aussicht gegen den Garten, der sich bis zum Höttinger Ried hinauf erstreckte.
Ein großer, schattiger Garten war’s, ungepflegt und unbebaut. Still und einsam war dieser Garten; denn niemand außer den Hausleuten durfte ihn benützen. Die Witwe Altwirth und ihr Sohn bildeten die alleinige Ausnahme. Es war die einzige verwandtschaftliche Begünstigung, die sie genossen.
In diesem Garten war Felix Altwirth groß geworden, hatte seine einsame Kindheit dort verbracht, seine reiferen Knabenjahre und die Zeit des ernsten Studiums. Hier hatte er ruhig lernen können, hatte gesonnen und geträumt und mit feinen, scharfen Augen die stille Schönheit der Natur gesehen.
Dieser einsame, große, verwilderte Garten, zu dem der wüste Kinderlärm der Straßenjugend nur gedämpft hereindrang, hatte den Künstler in Felix Altwirth geweckt. Viele Stunden saß er da und zeichnete mit geschickter Hand irgendein Blatt oder einen Baum. Und immer mehr vertiefte er sich in das Studium der Natur, und immer kühner und entschlossener wurden die Entwürfe zu seinen Arbeiten. Halbe Tage lang hielt er sich oft in dem Garten auf und zeichnete und malte mit der Lust und Liebe, die aus innerstem Trieb entspringt.
„Du solltest Künstler werden, Felix!“ riet ihm einmal Max Storf, sein um einige Jahre älterer Freund.