Es war eine alte Gegnerschaft zwischen den Schwestern. Frau Therese hatte das große Loos gezogen im Leben, und mit der Selbstverständlichkeit der vom Glück Begünstigten wollte sie auf die jüngere Schwester einwirken und dieser ihren Lebensgang vorschreiben. Die Susanne aber hatte ihren eigenen Kopf und setzte es durch, den Mann ihrer Wahl zu heiraten. Der war ein kleiner Tischler in der Kothlacken, und gar lange dauerte das Glück nicht bei den jungen Leuten. Der Mann starb und ließ Frau und Kind in bitterer Armut zurück.
Nach dem Tode des Mannes war es zu ernsten Zerwürfnissen zwischen den Schwestern gekommen. Frau Therese konnte es nicht unterlassen, die Vormünderin ihrer Schwester spielen zu wollen, und gab ihr böse Reden. Frau Susanne blieb keine Antwort schuldig.
Schließlich wurde die Apothekerin so erbost auf ihre Schwester, daß die beiden Jahr und Tag keinen Verkehr mehr miteinander hatten. Frau Therese bildete sich ein, daß es die Schwester darauf abgesehen habe, ihr Ansehen zu untergraben.
Jahre hindurch sahen und sprachen sich die Schwestern nicht mehr, bis durch die Vermittlung des Pfarrers von Sankt Nikolaus eine Aussöhnung zwischen den beiden zustande kam.
Frau Susannes Sohn, der junge Felix Altwirth, war ein äußerst begabter Bursche, ein tüchtiger Schüler. Und Lehrer und Pfarrer stimmten darin überein, daß es Sünd’ und Schade wäre, ein solches Talent nicht studieren zu lassen. Zum Studium aber gehörte Geld. Und das besaßen die reichen Verwandten in der Altstadt.
Anfangs wollte Frau Susanne nichts davon wissen. Aus Liebe zu ihrem Sohn aber gab sie nach, und der Pfarrer leitete die Versöhnung zwischen den beiden Schwestern in die Wege.
Das war jedoch die ausdrückliche Bedingung, die Frau Tiefenbrunner stellte. Wenn sie, die Tiefenbrunnerischen, den Felix studieren ließen, so mußte seine Mutter aufhören, als Wäscherin ihr Brot zu verdienen. Den Unterhalt für Mutter und Sohn würden die Tiefenbrunnerischen bestreiten.
Mit schwerem Herzen fügte sich die Witwe. Doch nahm sie nur das Notwendigste, was sie zum Unterhalt bedurfte. Keine Macht der Welt hätte sie aber dazu zwingen können, ihr bescheidenes Heim aus der Kothlacken in einen besseren Stadtteil zu verlegen.
Sie hatte sich so sehr eingelebt in die engen Verhältnisse, und alles, was sie umgab, war ihr eine liebe Erinnerung an ihren verstorbenen Mann und an ihr kurzes Glück.
Das düstere Haus, in dem sie wohnte, gehörte entfernten Verwandten ihres Mannes. Es war ein zweistöckiges Haus mit niedern Fenstern, mit einem alten, engen Hausflur und mit quietschenden und krächzenden Holzstiegen, die stets unreinlich aussahen.