Sie stammte von der andern Seite des Inns, von jenem Stadtteil, der eigentlich die älteste Ansiedelung ist und jetzt nur mehr eine Vorstadt von Innsbruck bildet. Zwischen dem breiten Flußbett und den sacht ansteigenden Höhen des Mittelgebirges der Nordkette liegt auf schmaler Ebene die Vorstadt Sankt Nikolaus. Teilweise lagern sich die kleinen Häuschen schon an dem Grunde des Bergabhanges, und steile, enge Gäßchen, die in ihrer Bauart an jene eines Dorfes gemahnen, führen zum Berghang empor.
Es gibt feine Unterschiede in den Bezeichnungen dieses interessanten Stadtteils. Von der Innbrücke abwärts erstreckt sich eine breite Straße den Fluß entlang, an der zum Teil schöne Gartenanlagen einen grünen Saum bilden. Aus dieser Gegend war Frau Therese Tiefenbrunner. Hier hatte sie ihre ersten Jugendjahre verlebt. Und dem leichten, singenden Tonfall ihrer Aussprache merkte man die allernächste Nachbarschaft der „Kothlacken“ an.
Die sogenannte Kothlacken ist eine schmale Gasse in Sankt Nikolaus. Eigentlich ist sie eine Seitengasse der Innstraße und mündet auf den breiten Kirchplatz vor der schon etwas erhöht liegenden gotischen Kirche von Sankt Nikolaus. Die Bewohner, aber hauptsächlich die Bewohnerinnen dieser Gasse zeichnen sich durch ihren scharfen und gesunden Mutterwitz aus.
Es ist keine ansprechende Gegend. Die alten Häuser dieser Gasse machen vielfach einen verlotterten Eindruck. Schmutzige, unreinlich gekleidete Frauen und Kinder stehen und gehen da herum. Oft ertönt auch schrilles Geschrei von zankenden und keifenden Weibern; denn die Kothlacknerinnen sind in dem Ruf, recht unverträglich zu sein. Wer sie näher kennt, weiß, daß sie besser sind als ihr Ruf. Gutherzig, hilfsbereit und ehrlich.
Frau Therese Tiefenbrunner betrachtete es als eine Art Schimpf, für eine Kothlacknerin zu gelten. Sie verwahrte sich stets sehr energisch dagegen, indem sie immer wieder betonte, daß sie eine Schlossermeisterstochter aus der Innstraße sei. Und das ist wiederum eine andere Gegend, die mit der Kothlacken nichts zu tun haben will.
Da der Name der Kothlacken auf dem Innsbrucker Stadtplan als offizielle Bezeichnung nicht zu entdecken ist, sondern dem Volksmund angehört, wird er keineswegs als Schmeichelei empfunden. Daher kommen auch die feinen Unterschiede, mit denen sich die unmittelbare Nachbarschaft von dieser nicht gerade hervorragend schönen Bezeichnung zu schrauben trachtet.
Die Frau Apotheker hatte sich eine ganz eigene Sprache zurechtgelegt. Sie sprach langsam und mit einer gewissen schwerfällig gezierten Plumpheit. Trotz aller Mühe war es ihr aber nicht gelungen, die singende Tonart, dieses untrügliche Kennzeichen der echten Kothlacknerin, auszumerzen. Diese Eigenart bemerkten freilich nur die einheimischen Innsbrucker oder jene Fremden, die sich schon lange Zeit in der Stadt aufhielten.
Trotzdem es die Frau Tiefenbrunner ganz und gar ableugnete, in näheren Beziehungen zu der Kothlacken zu stehen, hatte sie doch sehr nahe Verwandte, die in dieser Straße daheim waren. Ihre Schwester und deren einziger Sohn hausten dort in einer kleinen Wohnung. Eine enge, dunkle, schlecht gelüftete Küche und ein größeres Zimmer bildeten die Wohnung der armen Witwe, die sich und ihren Sohn kümmerlich durch ihrer Hände Arbeit ernährte.
Die Tiefenbrunnerischen waren gutherzige Leute, und ihre Schuld war es nicht, daß Frau Susanne Altwirth ein so schweres Leben hatte. Sie wollten gerne helfen, aber die Witwe hatte ihren Stolz. Bettelstolz nannten sie’s in der Kothlacken, und Bettelstolz nannte es auch der Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau Therese.
Die Frau Apotheker und ihr Mann nötigten ihre Wohltätigkeit der Witwe Altwirth förmlich auf. Jedoch vergeblich. Solange sie kräftige Arme habe, sagte die Frau Altwirth, brauche sie keine Barmherzigkeit. Frau Susanne Altwirth arbeitete daher weiter und rackerte sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Und alle Überredungskünste der Apothekerin vermochten nicht ihren Sinn zu ändern.